"Auf ein Wort" vom 3. 2. 2004 / WDR 4/ NDR 4 / Von Hubert Maessen
Unsere Oma war eigentlich nie krank, naja, jedenfalls nicht so richtig. Das kann man von unserem Computer nicht sagen, und dabei ist der viel jünger als unsere Oma. Wenn man nur an die Kinderkrankheiten denkt! Wie lange es gedauert hat, bis man den Kleinen ans Laufen kriegte! Die Software, also die Programme, mit denen er gefüttert werden mußte, die hat er oft gar nicht erst angenommen, und bei vielen hat er sich ganz furchtbar verschluckt, da haben wir schon gedacht: Das wird nie was! Vor allem der Hausherr, also Vater, hat sich aber hingebungsvoll um das kleine Rechengenie in spe gekümmert. Nächtelang hat er vor dem Computerbildschirm gesessen wie der Doktor am Röntgenapparat und am Ultraschall.
Und dann: Eines Morgens, so gegen fünf, ertönte ein markerschütternder Schrei, der das ganze Haus, sogar die schulpflichtigen Kinder, schlagartig weckte: „Er läuft! Es geht! Er läuft! Ich hab’s!“ Ja, mit dem Laufen ging’s ab sofort tatsächlich. Mehr oder Weniger. Im Großen und Ganzen. Der PC, wie unser Personal-Computer mit Rufnamen hieß, der war und blieb ein Sorgenkind. Manchmal hat er sich beim Rechnen der vielen Daten, der Bits und Bytes derart verklettert, daß er abstürzte und keinen Mucks mehr tat. Wenn man Glück im Unglück hatte, dann reichte ein kurzes Abschalten, ein bißchen Ruhe, und beim Wecken, was beim Computer „booten“ heißt, war er wieder frisch und munter. Aber ganz oft, man könnte auch sagen: viel zu oft, brauchte er eine gründliche Behandlung, die mehr Zeit kostete als der Computer einem abnahm. Alles gründlich reinigen, wieder aufpäppeln, vielleicht ein neues Wundermittelchen hinzuprogrammieren und dann Zittern und Bangen, ob das alles so richtig war, mit Bildung und Erziehung. Was soll man sagen, Sie kennen das: Gerade die Sorgenkinder, die wachsen einem so richtig ans Herz. Um die hat man sich ja auch viel mehr gekümmert als um die, die niemals Probleme haben und erst recht keine machen.
Deshalb sind wir auch so sauer darüber, daß irgendwelche durchgeknallten Spinner immer wieder alles versuchen, um unseren lieben und sensiblen PC mit Viren und Würmern zu infizieren. Davon wird er so krank, daß er beispielsweise irgendwelche blöde Post an andere Computer schickt, damit die zusammenbrechen. Für uns ein glatter Fall von Kindesmißbrauch. Viren und Würmer schleichen sich ein, wenn unser PC durch die Telefonleitung draußen in der weiten Welt umherstreift, seine Fenster und Türen also sozusagen weit offen sind. Wir können PC schließlich nicht zu Hause einsperren, es macht Spaß mit ihm durchs Internet zu surfen, und außerdem holt er jederzeit unsere elektronische Post aus aller Welt ab, wer sollte das denn sonst tun!? Unser Haushund „Moritz“ kann zwar viel, aber das kann er nicht. Jedoch, mal auf Holz geklopft, noch hat es unseren PC nicht ernstlich erwischt, wir haben ihn erst kürzlich mit einer Antiviren-Software geimpft. Das scheint zu helfen. Aber sicher ist man nie. Gucken Sie mal, wieviele Millionen PCs in den letzten Tagen infiziert worden sind. Wenn Sie mich fragen: Es liegt daran, daß die PC-Eltern, bzw. die Benutzer noch dümmer sind als ihre Computer und die Mikro-Chip-Kinder ohne Schutz auf die Straße schicken.
Das kommt davon, wenn man nicht auf Oma hört. Übermut tut selten gut, hat die immer gesagt. Und: Vorsicht ist die Mutter der PC - der Porzellan-Cisten...