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»Man soll alle Tage wenigstens ... ein gutes Gedicht lesen ... und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.« (Johann Wolfgang von Goethe)
Daher also: Meine mählich wachsende Leseempfehlung von A bis Z, mit dito subjektivsten Marginalien.

Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn hier empfohlene Bücher beim Buchhändler um die Ecke vergriffen sein sollten. So gut wie alles, was im 20. Jahrhundert aufgelegt wurde, bekommt man heute über die via Internet bestens organisierten Antiquariate (www.zavb.com), auch über den Sekundär-Handel bei Amazon oder bei freihändiger Suche im Web. Ein Fortschritt, der gar nicht hoch genug gepriesen werden kann.

Adalbert Stifter: »Brigitta« (und »Der Hagestolz«) Schmerzhaft intensive, schärfst geschliffene Geschichten. Natürlich, wenn man mehr Stifter lesen will, auch die berühmteren »Nachsommer«, »Bergkristall« etc., versteht sich.

Agatha Christie: »Alibi« Sie hat ja unzählige Krimis geschrieben, darunter viele überragende, aber das ist der mit dem abgefeimtesten Autoren-Trick der Krimi-Historie! Diesen raffinierten Kniff hat man (klarer Fall: Kollegen, Motiv: Mißgunst!) der legendären Crime-Lady als Verstoß gegen ungeschriebene Gesetze des Genres schwer übelgenommen  – aber warum sollte ausgerechnet sie kein Verbrechen begehen? (Noch dazu so ein erstklassiges!?)

Alexandre Kojève: »Hegel – eine Vergegenwärtigung seines Denkens«  Grundlegend zum Verständnis von Mensch und Welt und Werk. Äußerst anregend! Eminent kluge Anmerkung zu K. bei Wikipedia, z.B.: Seine Lesart Hegels gehört ... zu den einflussreichsten ... Beispielsweise haben Derrida, Lacan und Foucault ... auf den profunden Einfluß Kojèves auf ihr ... Denken hingewiesen; er gilt daher als einer der Vordenker der Postmoderne. Die Vorlesungen über die Phänomenologie des Geistes (...) wurden 1947 (...) veröffentlicht, jedoch weitestgehend ohne Kojèves ... Zutun - die redaktionelle Hauptarbeit hatte Raymond Queneau ..., der die Vorlesungsnotizen der übrigen Hörer ... zusammenführte (ein Verfahren, das frappierend dem Zustandekommen einiger Schriften Hegels selbst ... ähnelt).

Alfred Kerr: »Mit Schleuder und Harfe« Der Theaterkritiker, von dem man nur lernen kann. Von ihm wird erzählt: Es ist Premiere, Kerr sitzt vorn, der Vorhang geht auf, Kerr sieht die Bühne, steht auf, sagt laut und vernehmlich »schon scheiße« – und geht.

Algernon Blackwood: »Der Wendigo« Angstmachende grausige Geschichte von 1907 – lesen wirklich auf eigene Gefahr! Beschert nämlich schon stärkeren Gemütern garantiert Albträume. Zu finden im Sammelband »Das leere Haus«, der sich in toto sowieso lohnt. Vor allem auch »Die Weiden«, furchterregend, ganz & gar entsetzlich! Wenn Stephen King das nicht gelesen hat, fresse ich einen Hexenbesen! Phantastische kongeniale Übersetzung von Friedrich Polakovics; kann gar nicht genug gepriesen werden. Wunderbar!

Polakovics gehörte übrigens zum Umfeld der »Wiener Gruppe«, also H.C. Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm, Oswald Wiener, da wundert die Neigung zu Surrealem natürlich nicht. Er war verantwortlicher Lyrikredakteur bei »Neue Wege«, der Zeitschrift des vom Wiener Unterrichtsministerium gestützten »Theaters der Jugend«. 1957 veröffentlichte er dort surrealistisch-experimentelle Arbeiten von Jandl, Rühm und Artmann, wurde deshalb nach Leserprotesten entlassen! Er hat weitere wichtige Gothic-Werke ins Deutsche übertragen: beispielsweise »Melmoth der Wanderer« von Charles R. Maturin und den herrlichen weltberühmten (Entwicklungsroman sondergleichen!) »Frankenstein« von Mary Wollstonecraft Shelley, der keineswegs der Gruselroman ist, zu dem ihn die Trivialisierung seines sensationellen Motivs gemacht hat, kurzum: das Buch ist viel besser als sein Weltruf!

»Melmoth« und »Frankenstein« sind früher bei Hanser in einer grandiosen Reihe phantastischer Literatur (»Bibliotheca Dracula«) veröffentlich worden. Dies waren allerschönste (natürlich gebundene!) Ausgaben, ausgestattet vom Künstler Uwe Bremer; auch »Dracula« (siehe Bram Stoker), »Das Phantom der Oper« von Gaston Leroux (ohne Gedudel & Singsang von Andrew Lloyd Webber),  »Der Mönch« von Matthew Gr. Lewis (superunheimlich) und einige andere Hauptwerke der Gothic-Literatur wurden dort veröffentlicht. Wenn Sie antiquarisch suchen, achten Sie auf das Versprechen unbeschädigter Umschläge: gut erhaltene knallbunte, goldene, silberne Umschläge, die sind wichtig, da findet sich (neben innerem Buchdeckel und Vorsatzblatt)  die graphische Kunst von Uwe Bremer.

Alice Vollenweider/Hugo Loetscher: »Kulinaritäten«   Liebenswertes nützliches und höchst amüsantes Büchlein. Der Klappentext überwürzt durchaus nicht: »Noch ein Kochbuch? Ja, aber noch viel mehr: In diesem Briefwechsel zwischen Alice Vollenweider, Literaturkritikerin und Autorin des Bestsellers »Italiens Provinzen und ihre Küchen« (Wagenbach Verlag), und Hugo Loetscher, dem weitgereisten Schweizer Schriftsteller, entfaltet sich eine kleine Kulturgeschichte der Küche. Nebst höchst delikaten Rezepten erfährt der Leser, wie und wo diese Rezepte entstanden sind, wo die Quellen der heutigen Kochkunst liegen und wie es die Schriftsteller mit dem Essen hielten; auch der Stil unterscheidet dieses Buch von anderen Kochbüchern.« Nach der Lektüre speist man erheblich besser! Man schmeckt eben auch nur, was man weiß.

Andy Warhol: »Das Tagebuch« Prachtvoll produziertes Buch, das Kompendium des erlesensten Kunst- und Schickimicki-Klatsches des 20. Jahrhunderts. Warhol ist – nicht bestreitbar – einer der größten Künstler dieses Jahrhunderts und sowieso. Auch der allergrößte Porträtist unserer Zeit: Marilyn, Beuys, Elvis, Goethe, Himself etc. Dies Buch ist echt sein Buch. Great!

Die englische Ausgabe von 1986. Mit dem Umschlagbild der deutschen ErstausgabeArno Schmidt: »Aus dem Leben eines Fauns« Wenn man (außer dem Buch der Bücher) ein einziges Buch nur lesen könnte – dann vielleicht dies! Ungeheure Sprache, atemberaubende Kunst. Es schrumpft der bewunderte große James Joyce Zeile für Zeile. Schmidt ist der Größere.

Arno Schmidt: »Das steinerne Herz« Die –die!– Geschichte des geteilten deutschen Landes nach WK2. Der Schmidt jetzt verlegende Suhrkamp-Verlag zitiert Hans Wollschläger: "Von der zweiten deutschen Literaturhälfte wird wenig Literatur 'übrig' bleiben, von Arno Schmidt das Meiste und sicher dieser historische Roman."
»Wir haben alles mit Schmerzen versehen: das Licht 'verbrennt'; der Schall 'erstirbt'; der Mond 'geht unter'; der Wind 'heult'; der Blitz 'zuckt'; der Bach 'windet sich' ebenso wie die Straße. / Mein Herz pumpte die Nacht aus: Blödsinnige Einrichtung, daß da ständig sonne lackrote Schmiere in uns rum feistet ! N steinernes müßte man haben, wie beim Hauff.«

Die Taschenbuchausgabe von FischerArno Schmidt: »Sitara und der Weg dorthin« Eine "Studie über Wesen, Werk & Wirkung Karl Mays", die 1963 beim untergegangenen ruhmreichen Verlag Stahlberg erstmals erschien, dann mit dieser Ausgabe schönst reprinted bei Fischer, daselbst auch (leider nur noch)als Taschenbuch und natürlich neugebunden sowie umschlaggestaltet jetzt bei Suhrkamp, wo Schmidt dank Reemtsmas Stiftung eine komfortable Heimat gefunden hat, und hoffentlich nicht die letzte Ruhestätte.

Wie etliche große Geister war Schmidt gefesselt von der stupenden Produktivität und völlig hemmungslosen Trivialität Karl Mays, der zudem mächtig Geld scheffelte, was den notorisch armen Arno Schmidt auch nicht unberührt gelassen haben dürfte. In »Sitara« verfolgt Schmidt als Path(o)finder eine ganz heiße Fährte, er liest die Spuren einer verdrängten Homosexualität Mays in dessen Wortlandschaften und erkennt: »Für MAY scheint nicht, wie bei so vielen andern Künstlern & Menschenmännchen der Fall, die weibliche Brust die dominierende erotische Anregung und Initialzündung ergeben zu haben (...) sondern das Gesäß.« Da ist natürlich die Männer-Affäre Old Shatterhand & Winnetou, da wird z.B. immerzu zwischen zwei Hügeln und durch Gestrüpp in ein Tal geritten, wo dann eine stramme Fichte steht; auch die Rothäute mit ihren Marterpfählen sind indiziös, man braucht sie ja nur zu zersilben: In-di-Aner.
Sie merken's schon: Das ist ein Heidenspaß und lehrreich ist das auch: Entschlüsseln von Sprache mitttels Etymologie und Psychoanalyse. Danach liest man auf ewig anders. Und bestimmt lustvoller.

In der Erstausgabe von »Aus dem Leben eines Fauns« (1953) Seite 10 - Bild: Arno Schmidt Stiftung Bargfeld Arno Schmidt überhaupt: Hat sich seine Sprache geschaffen und dann auch seine Buchformen. Einer der Allergrößten unserer (?-!!) Literatur. Aus dem Suhrkamp'schen Zitatkasten: "Der Autor ist auch ganz, ganz ungewöhnlich, und ihn zu verlegen, ist einfach ein Ruhmesblatt."  (Alfred Andersch) Und: "Das bedeutendste Werk der deutschen Gegenwartsliteratur." (Gert Ueding) Oder: "Schmidt ist der amüsanteste, komischste und witzigste deutsche Schriftsteller. Der Molière der Deutschen." (Christoph Hein) Und: "Ich glaube, daß Arno Schmidt mein Schreiben verändert hat, ob ich das will oder nicht. Daß Arno Schmidt mir einen Blick auf die Logik des Schreibens gegeben hat, der vorher nicht für mich existiert hat." (Jurek Becker)

Und ich zitiere auch noch – mich selber: »Sprache kannst du ändern und erfinden, so wie der Mond und Frau Luna unendlich Nachkommenschaft hecken: – Der kahle Mongolenschädel / die Chaussee mit weißer Lichtpaste verschmierte / diamonddiamond / die Totenmaske des Mondes / Achillener Kerl, der Mond : schleppte eine steife Wolkenleiche hinter sich / Die Spitzhacke des Mondes arbeitete im reglosen Wolkengeröll / im verarmten rotgefrorenen Himmel der feste freche Mond, grinse Schweige. – Guter Mond, da ist uns mit den 60er-Jahren manches aufgegangen. Auch politisch. Der renitente Ton von Schmidt, die schneidende Verachtung und Verspottung der Nazis und der Adenauer-Zeit, der kleinbürgerlichen Restauration, das war (jedenfalls für mich) mehr als Marx/Engels eine Schule des Widerstands für 68 (bei mir deshalb schon früher: ich bin ein 64er!). „Ich behalte mir jede Handlung gegen den Staat vor ! : das ist zu meiner Sicherheit als Mensch nötig !“ Und allein war man nicht, trotz dem schmidtschen Satz von der dritten Wurzel aus p gab es eine Menge, denen und der es reichte; tatsächlich hatte doch auch ich heimlich an der Maggiflasche genuckelt. Nicht nur daran: Wo gab es denn in der deutschen Literatur einen sinnenfroheren und geschmeidig-obszöneren Autor als Arno Schmidt? Als Ero-Ticker stellte er sogar Henry Miller in einen mondlosen Schatten – „In Ihrer Haut möcht ich stecken, Fräulein Krämer !“– „Dunkelrot und windwendisch : der Rock. Ihre langen Beine hoben und senkten die ruhigen Pedalen; und dazu ritt meine Wölfin freihändig und gleichmütig unter den Apfelzweigen voraus, daß es noch mehr himmelschwirrig wurde, als eben zuvor.“«

Das war ein kleiner Ausschnitt aus dem sehr empfehlenswerten, ganz einzigeigenartigen Buch:
Rudi Schweikert (Hrsg.) »Da war ich hin und weg«. Arno Schmidt als prägendes Leseerlebnis.
100 Statements und Geschichten.
ISBN 3-924147-55-8, 368 S., br., Euro 18 [D].

Dieses ist der zweite Band.Astrid Lindgren: »Meisterdetektiv Blomquist«, 1946/D:1950, »Kalle Blomquist lebt gefährlich«, 1951, »Kalle Blomquist, Eva-Lotte und Rasmus«, 1953/D:1954. Eva-Lotte wird übrigens in den neueren Ausgaben nicht mehr übersetzt, heißt deshalb also schwedisch Eva-Lotta...  Kleine Kinder-Bücher? Von wegen: ganz dolle große Literatur. Bemerkenswert der Realismus der Geschichten, der bei Lindgren Grundlage leichthändigst vermittelter höchst komplexer Einsichten über Mensch und die Welt ist. Kindgerecht? Ja, ganz bestimmt, aber so haben unsere Pädagogen das nicht gemeint. Lindgren scheut sich vor gar nichts, was wirklich und was Wahrheit ist. Sie steigert von Band zu Band die Kreise der Kinder und das Böse, das sie erleben, verstehen und bewältigen müssen. Das Böse, gegen das Herz und Verstand, Mut und Freundschaft nötig sind und helfen: Im ersten Blomquist geht es um Diebstahl und häusliche Familienbande, im zweiten Buch sind es Wucher, Mord und versuchter Kindermord im Heimatort, im dritten Blomquist gibt es eine Entführung, eine Insel weit weg von zu Hause, Rüstungsspionage zwecks Kriegsvorbereitung, die ganze Welt ist in Gefahr – kein Kinderspiel!

Dieses ist der dritte Band.Kaum eine Schriftstellerin, auch kein Schriftsteller, dürfte mehr Ehrungen und Auszeichnungen erhalten haben als die große Lindgren in ihrem gesegneten langen Leben, und allesamt ohne jeden Zweifel hoch verdient; und noch besser: sie gehört ganz sicher zu denen, die am meisten verehrt werden – und vor allem geliebt. Viele Erwachsene verdanken ihr viel. Sofern sie Kinder waren und dies noch wissen.
Unvergeßlich auch, wie diese Frau, der man von "Sozial" und "Demokratie" nichts erzählen mußte, nach Engelsgeduld auf die Barrikaden ging. Die sozialdemokratische Regierung Schwedens hatte es geschafft, ein Steuerrecht zusammenzustückeln, durch das (nicht nur) die Lindgren auf einen Steuersatz von über 100 % kam. Ich glaube, was sie am meisten geärgert hat, das war die Stockdummheit der politischen Analphabeten & Menschheitsbeglücker. Natürlich hat Lindgren mit ihrem Menschenverstand obsiegt und die Idioten Mores gelehrt. Auch da war sie Stimme des Volkes.

Dieses ist der erste Band. Der Anfang ist linker Hand zitiert.Wer noch nie »Kalle Blomquist« gelesen hat, soll hier auf die Spur gebracht werden. Schon in den ersten Sätzen des ersten Blomquist-Bandes läßt sich die Meisterschaft der Lindgren entdecken, die Meisterschaft, mit der sie Realismus und Phantasie versponnen hat. Wunderbar, wie sie den härtesten Ernst des Lebens aber auch die süße Idylle kontert mit Witz und Ironie und der Freude daran — der Freude auch, die Literatur zur Wirklichkeit zu machen und umgekehrt; z.B. hier, als Meisterdetektiv Blomquist sein erstes aufklärerisches Wort spricht:

"Blut! Daran gab's keinen Zweifel!"
Er starrte durch das Vergrößerungsglas auf den roten Fleck. Dann schob er die Pfeife in den anderen Mundwinkel und seufzte. Natürlich war es Blut. Was sollte denn auch sonst kommen, wenn man sich in den Daumen geschnitten hatte? Dieser Fleck da hätte der endgültige Beweis dafür sein sollen, daß Sir Henry seine Frau durch den abscheulichsten Mord beiseite gebracht hatte, den ein Detektiv jemals aufklären mußte. Aber leider - es war anders! Das Messer war ausgerutscht, als er seinen Bleistift anspitzen wollte - das war die traurige Wahrheit. Und das war wahrhaftig nicht Sir Henrys Schuld. Vor allen Dingen deswegen, weil Sir Henry, das Rindvieh, nicht einmal existierte. Traurig – das war es! Warum hatten so viele Menschen das Glück, in den Slumbezirken Londons oder in den Verbrechervierteln von Chicago geboren zu werden, wo Mord und Schießerei zur Tagesordnung gehörten? Während er selbst ... Er hob seinen Blick widerwillig von dem Blutfleck und schaute aus dem Fenster.
Die Hauptstraße lag im tiefsten Frieden und träumte in der Sommersonne. Die Kastanien blühten. Es war kein lebendes Wesen zu sehen außer der grauen Katze vom Bäcker, die auf der Bordsteinkante saß und sich die Pfoten leckte. Nicht einmal das allergeübteste Detektivauge konnte etwas entdecken, was darauf hindeutete, daß ein Verbrechen begangen worden war. Es war wirklich ein hoffnungsloses Unternehmen, in dieser Stadt Detektiv zu sein! Wenn er groß war, würde er, sobald sich eine Möglichkeit bot, in die Londoner Slumbezirke ziehen. Oder vielleicht lieber nach Chicago? Vater wollte, daß er im Geschäft anfangen sollte. Im Geschäft! Er! Ja, das könnte denen so passen, allen Mördern und Banditen in London und Chicago! Da konnten sie drauflosmorden, ohne daß ihnen jemand auf die Finger sah, während er im Geschäft stand und Tüten drehte und grüne Seife oder Hefe abwog. Nein wahrhaftig, er hatte nicht die Absicht Rosineneinpacker zu werden! Detektiv oder gar nichts! Vater konnte wählen! Sherlock Holmes, Asbjörn Krag, Hercule Poirot, Lord Peter Wimsey, Kalle Blomquist! Er schnalzte mit der Zunge. Und er, Kalle Blomquist, hatte die Absicht, der Beste von allen zu werden. (Zitat Ende)
Und das ist er geworden: Einer der Besten. Lesen – oder wiederlesen. Mehr beim Verlag seit Urzeiten, jetzt im Internet: www.oetinger.de



Übrigens, im Jahr 2005 ist die zweite Literatur-Edition der Süddeutschen Zeitung gestartet: Die Junge Bibliothek. "50 Lieblingsbücher zum Vorlesen und Selberlesen, ausgewählt von der Kinder- und Jugendbuchredaktion der Süddeutschen Zeitung : Klassiker ebenso wie zeitgenössische Werke bedeutender Kinder- und Jugendbuchautoren (...) Alle 50 Titel in ansprechender Hardcover-Ausstattung sind für jeweils nur 4,90 EUR erhältlich."

Zweiter Band/Held der Reihe ist unser Meisterdetektiv Karl Blomquist, genannt Kalle. Soweit, sogut. Die Freude an der neuen nicht teuren Publikation läßt aber schon nach wenigen Seiten schlagartig nach. Es waren nicht nur die Rechtschreibreformer am Werk (daß/dass etc., aber noch mehr!), sondern auch die unermüdlichen ungenießbaren Pädagogen und Missionare angeblicher politischer Korrektheit.

Da taucht in der Neuausgabe "Fredrik mit dem Fuß" auf, der stadtbekannte gutmütige Trinker, der an jedem Wochenende besoffen Straßenvorträge hält und von Wachtmeister Björk regelmäßig in die Ausnüchterungszelle gebracht wird; hieß der nicht "Friedrich mit dem Fuß" in der ersten deutschen Ausgabe? Ja, Friedrich. Daraus ist jetzt der schwedische Name Fredrik des Originals geworden. Trotzdem inkonsequent: Blomquist heißt auch in der Ausgabe 2005 nicht Blomkvist wie es schwedisch richtig wäre. Naja, dummes Zeug verwirrter deutscher Lektorate mit verhinderten Schriftstellern und zensorischen Gelüsten.
Schlimmer aber, wirklich schlimm: Kalles Vater war einst der "Kolonialwarenhändler Karl Blomquist". Jetzt ist er, Sie ahnen es, der "Lebensmittelhändler Karl Blomquist". Das nun ist eine Unverschämtheit, ist Geschichtsklitterung, ist flagranter Betrug am Leser. Warum? Weil hier Geschichte, weil die Zeit des Buches und der Handlung verwischt und gefälscht wird. Wenn das geht, wenn das statthaft ist, weil Kolonien mit Kolonialwaren heutzutage als politisch unkorrekt erachtet werden und/oder heutigen Kindern samt Laden nicht mehr geläufig sein sollten, dann kann man die Kutschen bei Goethe auch durch Autos ersetzen und die gepuderten Perücken auf Mozart-Porträts durch Rasta-Locken und den Schimmelreiter durch einen Skywalker. Bearbeitungen von Kinderbüchern: eins der finstersten Kapitel der Verlagspraktiken, immer schon; eingerissen also auch bei einem ehrgeizigen, aber dann doch nur angeberischen Projekt der »Süddeutschen Zeitung«, die - wie jeder weiß - Geld braucht; anscheinend darf das auch stinken.
Ach ja, die neue Rechtschreibung, der sich die Süddeutsche im Gegensatz zur reuigen und klügeren F.A.Z. widerstandslos unterworfen hatte. Auch in ihrer Ausgabe von "Kalle Blomquist - Meisterdetektiv" ist sie peinlich und an Schwachsinn grenzend. Onkel Einar kommt nach vielen Jahren in die Stadt, trifft seine Cousine, die Frau des Bäckermeisters Lisander. Und sagt: "Habe ich das Vergnügen wiedererkannt zu werden?" Nein, das sagt er in dieser Ausgabe nicht. Da sagt er: "Habe ich das Vergnügen wieder erkannt zu werden?" So, als ob Frau Lisander gerade von einer vorübergehenden Sehstörung genesen sei.
Haben die Lektoren und die "Kinder- und Jugendbuchredaktion der Süddeutschen Zeitung" noch alle auf der Latte, der Lindgren einen solchen deutsch-bürokratisch-kultusministeriellen Schwachsinn anzudichten? Ausgerechnet der Lindgren!?

Wir fassen zusammen: Kindern wird in dieser Ausgabe Geschichte verborgen und auch unabdingbare sprachliche Differenzierung vorenthalten. Und das bei Astrid Lindgren! Fazit: 4,90 € ist ein toller Preis - aber in diesem Fall wäre geschenkt noch zu teuer. Ich rate dringend von Erwerb und Schenken ab.

Benedikt XVI./Joseph Ratzinger »Berührt vom Unsichtbaren« Dem im Jahre des Herrn 2005 zum Papst erkorenen Joseph Ratzinger wird nachgesagt, er sei ein Intellektueller, ein Theoretiker. Dies soll insinuieren, der Mann habe keine Ahnung vom Leben und vom Menschen, sei ein kalter Analytiker. Interessanterweise wird solches natürlich von Intellektuellen unterstellt, die sich selber für absolut menschenfreundlich und lebenskompetent halten, was in ihrem Fall nur großer Unsinn und pure Hoffart sein kann. Abgesehen davon: Ja, Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. ist ein Intellektueller. Und was für einer!
In diesem Buch hat Ludger Hohn-Morisch Texte Ratzingers zu einem Jahreslesebuch versammelt. Es sind kurze Geistesblitze, scharfsinnige Gedanken zu Themen der Gegenwart und unseres Alltags, aus der Sicht eines hoch gebildeten katholischen Theologen, eines tief gläubigen Menschen. Das sind keine etwa indoktrinierenden Predigten, sondern Texte, die zum Nachdenken Tag für Tag geradezu genußvoll anregen. Genußvoll, weil klug und sprachlich meisterhaft. Interessante Gedanken von einem hervorragenden Denker und fabelhaften Stilisten - was will, was braucht man mehr? Außerdem ist der Papst das "geistliche Oberhaupt" eines großen Teils der Menschheit; da sollte man sowieso wissen, wie und was er denkt.

Benoîte Groult: »Salz auf unserer Haut« Trotz Millionen-Auflage und Frauenzeitungslobhymnen ganz große Klasse. Findet übrigens Freund und (Film-)Autor Joachim Hammann gar nicht. Will sagen: Bücher und Menschen gehen ganz eigene Verbindungen ein, letztlich entscheidet das/der persönliche Moment, manchmal ist die Liebe vergänglich, manchmal ist sie köstlich und währet die 80 Jahre.

Ich erinnere mich an »Blow up«, den Film von Michelangelo Antonioni. Nach dem ersten Sehen - damals - vom Donner gerührt, großartiger Film! Viele Jahre später wiedergesehen und total enttäuscht, entsetzt: Was für ein langweiliger manierierter Scheiß! Wiederum viele Jahre später nochmal geguckt, um es jetzt aber endgültig zu entscheiden. Und siehe da, zum Donner: großartiger Film, große Kunst, einfach klasse. Und dabei bleibt es jetzt. Auch bei Frau Groult, trotz J., auf dessen Urteil sehr zu achten ist.

Bernard Shaw: »Wagner-Brevier« Der scharfsinnige Ire öffnet die Augen, macht den Blick – und damit dann hoffentlich auch die Ohren – frei für eins der größten revolutionären Genies der Musik und lieferte nebenbei die Blaupause für den sogenannten »Jahrhundertring« 1976 ff. Gut ist: Shaw, der Sozialist war und das Büchlein 1898 schrieb, kann nicht so leichthändig unter Faschismus-Verdacht gestellt werden, wie das in Deutschland von einer verkrachten & verdummten Linken mit Anders-denkenden gern, inflationierend und fatalerweise sogar immunisierend gemacht wird. Sie könnte übrigens bei Wagner einiges über sich lernen: die verfaulenden Gralshüter im »Parsifal«, die verkalkte Sänger-Gilde in »Die Meistersinger«, die nichts mehr zu singen hat, aber trotzdem den Ton angeben will. Man täusche sich nicht: Wer Hitler gegen Wagner ins Feld führt, fällt heute noch auf Hitlers Propaganda rein und hat vom Faschismus wahrscheinlich ebenso wenig begriffen wie von Richard Wagner. Beides ist ungut, doch Shaws Brevier kann helfen. Siehe auch: Martin Gregor-Dellin.

Hier zu Suhrkamp klicken!Bert Brecht: »Me-ti. Buch der Wendungen« Der Brecht war ja auch politisch ein Widerling – aber schon verdammt gut, in manchem, z.B. hier.
Seine Bühnenwerke und die Lyrik muß man wohl nicht eigens erwähnen,  für Kanonisierung und Zwangslektüre sorgen ja mindestens die höheren Schulen, denen Brecht nach Ende des Kalten Krieges als Mitglied des Kollegiums willkommen ist, denn er ist ja ein Lehrer mit Lehrstücken, der literarische Volksfront-Propagandist, ein schillernder semi-sozialistischer Ein-Pauker, rotgrün und sogar herz-jesu-marxistisch, links-christlich voll kompatibel.
Scherz beiseite, ich schätze Brecht, er ist wichtig, historisch und literarisch.
Unbedingt im Schrank haben sollte man die »Geschichten vom Herrn Keuner«, epigrammatische Stücke, Denk-Lektionen vom Lehrmeister Brecht. Solches:

Erfolg
Herr K. sah eine Schauspielerin vorbeigehen und sagte: »Sie ist schön.« Sein Begleiter sagte: »Sie hat neulich Erfolg gehabt, weil sie schön ist.« Herr K. ärgerte sich und sagte: »Sie ist schön, weil sie Erfolg gehabt hat.«

Der unentbehrliche Beamte
Von einem Beamten, der schon ziemlich lange in seinem Amt saß, hörte Herr K. rühmenderweise, er sei unentbehrlich, ein so guter Beamter sei er. »Wieso ist er unentbehrlich?« fragte Herr K. ärgerlich. »Das Amt liefe nicht ohne ihn«, sagten seine Lober. »Wie kann er da ein guter Beamter sein, wenn das Amt nicht ohne ihn liefe?« sagte Herr K., »er hat Zeit genug gehabt, sein Amt so weit zu ordnen, daß er entbehrlich ist. Womit beschäftigt er sich eigentlich? Ich will es euch sagen: mit Erpressung!«

Die Keuner-Geschichten sind in mehreren Ausgaben bei Suhrkamp erschienen. Dort gibt es auch einen späten Fund: Keuner-Geschichten in »Züricher Fassung«.

Kleiner Scherz. Dies ist natürlich nicht die empfohlene deutsche Ausgabe ohne Fachchinesisch.Bertrand Russell: »Das ABC der Relativitätstheorie«
»Jedermann weiß, daß Einstein irgend etwas Erstaunliches getan hat, aber sehr wenige Leute wissen genau, was es nun eigentlich war.« Das ist der erste Satz dieses Büchleins und der stimmt heute noch genauso wie Anfang des 20. Jahrhunderts. Damals, 1905 ff., legte Albert Einstein seine berühmte Relativitätstheorie vor und brachte die magische Formel E = mc² (Energie = Masse × Lichtgeschwindigkeit²) in die Welt. Von den damit zusammenhängenden merkwürdigen Erkenntnissen hat jeder gehört, und die sind so wenig nachvollziehbar, daß Einstein mit seinem wilden Haarschopf zur Ikone des genialen aber auch völlig verrückten crazy Professors wurde. Viele Leute, die meisten, betrachteten die Newtons Apfel ablösende neue E = mc²-Weltsicht als akademischen Blödsinn und bestenfalls als Stoff für phantastische populäre Science-fiction mit Warp und Raumzeittunneln und ähnlich spinnerten Unmöglichkeiten.

Es folgt ja aus Einsteins Theorie viel Wunderliches: Wer auf der Erde bleibt, der altert schneller als ein Raumfahrer, weil für ein schnell bewegtes Objekt die Zeit immer langsamer vergeht – bis sie bei Lichtgeschwindigkeit schließlich aufhört zu vergehen. Große Massen krümmen das Licht und bremsen die Zeit. Objekte werden schwerer, je schneller sie sich bewegen. Und kürzer werden sie auch, das heißt ein schneller Meter ist keiner mehr, ein rasender Zollstock schrumpft. Und wenn man in großer Höhe über den Mount Everest fliegt, läuft die Zeit anders, als wenn wir in Marina del Rey schwimmen gehen. Wie kommt das? Ja, das ist die große Frage, und begreifen läßt sich das für Laien nicht; man braucht viel Mathematik und Physik und muß in den neuen theoretischen Gebäuden zuhause sein. Aber eine Ahnung sollte man doch haben – davon, wie das Universum physikalisch tickt. Wo bekommt man sie?

Bertrand Russel schrieb schon 1925: »Es stimmt zwar, daß es unzählige populäre Darstellungen der Relativitätstheorie gibt, aber im allgemeinen hören sie genau an dem Punkt auf, verständlich zu sein, wo sie anfangen, etwas von Bedeutung zu sagen.« Das stimmt heute wie damals, und deshalb hat Russell, der vielseitige Philosoph und Naturwissenschaftler, »Das ABC der Relativitätstheorie« 1925 herausgebracht, als Zeitgenosse Einsteins, den er auch persönlich gut gekannt hat. Das Buch eines späteren Nobelpreisträgers über die bahnbrechende Theorie eines späteren Nobelpreisträgers ist ein Klassiker der wissenschaftlichen Sachbücher des Einstein-Jahrhunderts. Auf www.philo-forum.de wird zutreffend bemerkt: »Eingängig, über weite Strecken sogar unterhaltsam trägt Russell die Grundideen der Allgemeinen und Speziellen Relativitätstheorie vor, wobei er fast stets von Alltagserfahrungen ausgeht. Russell macht nirgendwo sachliche Abstriche und setzt doch kaum mehr voraus als gesunden Menschenverstand – dessen Reichweite er damit geistreich demonstriert. Veröffentlicht wurde diese Schrift erstmals 1925. Für die dritte englische Auflage von 1969 wurde der Text mit Russells Einverständnis von Felix Pirani, Professor für theoretische Physik an der Universität London, ergänzt. Auf dieser Fassung beruht die vorliegende deutsche Übersetzung

Inzwischen hat die Wissenschaft weiter Fortschritte gemacht, es gibt auf Einsteins Entdeckung fußende Lasertechnik und  GPS-Navigation und Digitalkameras etc., schockweise vieles, was man auch 1969 noch nicht kannte, aber am Fundament und den wichtigsten Elementen der revolutionierenden Gedanken hat sich nichts geändert; im Gegenteil, sie wurden mehr und mehr bestätigt. So ist also dieses Buch immer noch höchst empfehlenswert. Es ist einfach hilfreich, wo viele andere das bloß behaupten und versprechen, vor allem im Einstein-Jahr 2005. Wer eine höhere Dosierung Mathematik und Physik-Theorie verträgt, sollte zusätzlich »Einsteins Ideen« von Banesh Hoffmann konsultieren; ich hoffe die broschierten (die Pest!) Exemplare heute sind besser als meins von 1997: der Satzspiegel geht bis in den Bund, man muß das Buch geradezu aufbrechen, um lesen zu können. Ja, irrwitzige Theorien können sie erklären, aber ein ordentliches Buch drucken und binden, das scheint viel schwerer zu sein.

Na klar: Gutenberg!Die »Bibel« wird hier übrigens nicht erwähnt, denn erstens gehört sie als »Buch der Bücher« natürlich an vorderster Stelle auf jede Best-of-Bücher-Liste und zweitens ist es völlig unangemessen und geschmacklos (vielleicht sogar GOtteslästerlich?), sie auf so was zu plazieren.

Profaner literarischer Hinweis am Rande: Die Psalmen!

Und: Zur wortmächtigen Lutherbibel greifen, sich bloß nicht in Versuchung führen lassen von (Neu! Offiziell! Amtlich!) vermurksten Reform-Texten sprachunfähiger Theologen und B-Forscher, noch dazu in neuer deutscher Rechtschreibung. (Das kann nicht GOttes Wort sein, das ist Satanswerk & Höllenstrafe.)

Bram Stoker: »Dracula« Man glaubt es nicht: aber die Mutter aller Dracula-Bücher und Vampir-Geschichten war auch gleich das/die beste. Herrlich! Ist auch durch aufwendigste Filme nicht zu toppen, aber es gibt sehenswerte. Bester Film bis heute, mit dem artifiziellen und stummen »Nosferatu«, auch einer der frühesten, nämlich »Dracula« von Tod Browning, USA 1930, mit amerikanischem Drive und deutsch-expressionistischer Kamera vom legendären Karl Freund. Große Klasse. Und ebenso natürlich die unsterbliche Parodie Polanskis, der »Tanz der Vampire«.

Auf der üppigst gefüllten Homepage des ZDF findet man auch etliches zu Dracula, in Buch und Film. Zum Beispiel dieses: »Dracula, die wohl bekannteste Figur der Gruselliteratur, hat den irischen Schriftsteller Bram Stoker weltberühmt gemacht. Stoker schuf den Bestseller dieses Genres. ... Durch seine Tätigkeit als Manager des Lyceum Theaters wurde Stoker mit dem Budapester Orientalisten Arminius Vambery bekannt, der ihm von den auf dem Balkan weit verbreiteten Vampirlegenden erzählte. Von Vambery inspiriert, begann er 1890 mit der Arbeit an einem Vampirroman, der 1897 erschien und zum berühmtesten dieser Gattung werden sollte. In Dracula fasste Stoker die verschiedensten Dichtungsmotive, abergläubischen Überlieferungen, Details aus der niederen Mythologie und aus historischen Legenden zu einem Schauerroman zusammen, der eine wahre Flut von Vampirgeschichten auslöste. ... Mit seiner Erzählung traf Stoker ins Herz des viktorianisch-puritanischen England. Bis in wissenschaftliche Kreise hinein war es Mode, sich mit Geistererscheinungen und okkulten Fällen zu beschäftigen. Und der subtile sexuelle Subtext elektrisierte die Leser in einer Zeit bigotter Prüderie

Michaela Dittrich rezensiert bei www.buchwurm.info: »Stoker ... soll sehr pikiert darüber gewesen sein, dass sein "Dracula" in der Erstausgabe in gelbem Einband erschien – der Farbe, die damals pornographische Literatur kennzeichnete. Tatsächlich lassen sich in "Dracula" ohne große Mühe vielerlei kaum verhüllte sexuelle Anspielungen finden, denn die wirkliche Gefahr, die von dem Vampir ausgeht ist nicht etwa, dass er seinen Opfern den (Un)Tod bringt. Stattdessen verwandelt er die Frauen, die er anfällt ... von sittsamen und angepassten Frauenzimmern in wollüstige und laszive Femmes Fatales.
Nicht unerwähnt darf bleiben, dass "Dracula" darum wirbt, als authentisches Dokument betrachtet zu werden. Der Roman setzt sich komplett aus Tagebucheintragungen der handelnden Personen, Briefen, Notizen und Zeitungsartikeln zusammen. ... Selten hat man einen so eindrücklichen Bösewicht wie hier gesehen – und das, obwohl Dracula selbst hauptsächlich durch Abwesenheit glänzt. Doch sein Schatten hängt unmissverständlich über der gesamten Erzählung, wie es der Titel ja auch verspricht. Wer also auch nur das geringste Interesse an Horror hat, der sollte "Dracula" zur Hand nehmen. Ohne ihn ist die gesamte folgende Vampirliteratur nicht denkbar

In dieser auch von Heinz Röllecke besorgten Ausgabe sind die diversen Fassungen berücksichtigt und angemerkt; es gibt weitere Ausgaben, bei Reclam mit den Kommentaren der Grimms.Brüder Grimm: »Kinder- und Hausmärchen« Obacht: es gibt verschiedene Fassungen. Die erste 1812/15. In der für Kinder passender gemachten von 1819 und letztlich 1857 (es erschienen insgesamt sieben, auch erweiterte Ausgaben, besorgt von Wilhelm Grimm), ist z.B. Rapunzel nicht mehr schwanger - sie war ja mit dem an den Haaren herbei- bzw. hochgezognen Prinzen nicht verehelicht. Dazu findet sich im Netz bei www.gabriele-uhlmann.de:
Die brisante Textstelle: / Rapunzels Schwangerschaft / So lebten sie lustig und in Freuden geraume Zeit, und die Fee kam nicht dahinter, bis eines Tages das Rapunzel anfing und zu ihr sagte: 'Sag sie mir doch Frau Gotel, meine Kleiderchen werden mir so eng und wollen nicht mehr passen.' / Wilhelm Grimm hat diese erste Version aus den "Kinder- und Hausmärchen" in späteren Auflagen vielfach stilistisch ausgeschmückt und nach einem öffentlichen Tadel bereits 1819 den Hinweis auf Rapunzels Schwangerschaft getilgt. Schon Friedrich Rühs stöhnte: "Welche rechtschaffene Mutter oder Aufseherin würde ohne Erröten das Märchen von der Rapunzel einer schuldlosen Tochter erzählen können?" Tja.

Von den Brüdern Grimm auch, nicht zu vergessen: »Deutsche Sagen«. Sollte man von Jugend an kennen. Dazu ergänzend die Götter- und Heldensagen, also Odin, Thor, Theoderich, Dietrich von Bern, die Goten, Wieland den Schmied, die Nibelungen, Siegfried, Hagen, Kriemhilds Rache, Hildebrand, Elsa und der Schwanenritter,  Walther und Hildegunde und Kudrun. Nicht wegen germanischer Heldenverehrung, sondern weil sie Hintergrund und wichtiger Teil des Fundaments mitteleuropäischer  Kultur sind. Und natürlich: Die Gralsgeschichten, Arthus und die Tafelrunde, Tristan und Isolde und König Marke, Lancelot und Ginevra, Parsival usw. Bloß keine Berührungsängste! Man muß das kennen, um anderes richtig zu verstehen. Außerdem sind das sowieso auch prächtige Geschichten!

C. S. Forester: »Horatio Hornblower« Eine herrlich schmökerhafte »Nelson«-Saga in elf schönen Bänden.
Nelson? Indeed, denn Titelheld Hornblower ist ganz unverhohlen dem großen historischen Admiral nachgebildet. Zu den Geschichten kommt also Geschichte, die bis in unsere Tage mächtig wogt und wirkt.

"Few fictional characters are as celebrated at Horatio Hornblower, the main character in Forester's eleven volume series. Starting as a midshipman in the first book and progressing through to a well-deserved promotion to admiral in the last, this is one protagonist who manages to be brave, gallant, and honorable, while also being modest, enterprising, and devoted to duty. He's inspired movies, television specials, and countless young men who have read the books since being published in the 1950s and have sought to emulate him. Highly recommended for young adult readers." (The USS Constitution Museum, Boston)

Der "Hornblower" gilt inzwischen im fast aller ernsthaften Maßstäbe unsicher gewordenen Deutschland als irgendwie altmodisches Jugendbuch, aber das ist "Hornblower" überhaupt nicht. Es ist der überaus reiche und einzig dastehende "Entwicklungsroman" eines Seemanns des 18./19. Jahrhunderts, daher sehr britisch, sehr maritim - und gerade auch deswegen höchst interessant und lesenswert, zumal die historischen Umstände penibel recherchiert und verarbeitet sind. Die immense Bedeutung (bis auf den heutigen Tag! EU / England-Frankreich / Transatlantische Beziehungen!) der historischen Geschehnisse zu den Zeiten Napoleons und des Machtringens der Mächte zur See muß einem halbwegs gebildeten Menschen kaum erklärt werden, dem normalen deutschen Literaturkritiker und Politiker aber sehr wohl. Die lassen sich vielleicht von Ernest Hemingway beeindrucken: "I recommend Forester to every literate I know."

Gerade wieder (2005) neu erschienen; leider als Taschenbuch, dessen starre Klebe-Bindung das Lesen doch deutlich weniger erfreulich macht. In der S-Bahn sehe ich, daß dies den viel lesenden jungen Frauen wurscht ist, die biegen sich noch die dicksten gelumbeckten Bände zurecht und lesen die Bücher wie eine Zeitung; wahrscheinlich werden die nach Lektüre auch weggeschmissen. Nun, darüber könnte man lange reden, aber wozu: Geschmacksfrage! Hauptsache, es wird gelesen. Ich empfehle dennoch, stets nach den gebundenen Ausgaben (Foto!) begehrter Bücher zu fahnden. Es liest sich besser & schöner.

C. W. Ceram: »Götter, Gräber und Gelehrte« Immer noch eine der interessantesten Reisen in die Vergangenheit hin und zurück!

Carl Barks / Erika Fuchs: »Donald Duck« Großes Kino und große Literatur in einem, also zweifellos die besten Screw-Ball-Comics überhaupt. Eine Quelle nie versiegenden Vergnügens. Man frage das »Feuilleton« der F.A.Z., das Barks'/Fuchsens schönste Sätze sämtlich schon verheadlinet und in diverse Texte eingeschmuggelt hat. Schön, witzig, poetisch, umwerfend, schlau, hintersinnig, klug, in der mehr als kongenialen Übersetzung von Dr. Erika Fuchs, mit der, über die ich einst eine hübsche Radio-Sendung machen konnte: »Frau Fuchs betreut den Enterich«. Mit der Schöpferin der bewunderten witzigen Comic-Sprache der Kindertage in München teetrinkend plaudern zu können, ja, das war nun doch einer der größeren Momente im Leben – muß ich gestehen.

Der Wiener Künstler Gottfried Helnwein hatte auch einmal solch großes Glück, nämlich die Gelegenheit, mit Carl Barks zu sprechen, ihn zu interviewen. Das Gespräch kam auch auf Deutschland und natürlich auf Frau Fuchs.
Hier die Passage:
Helnwein: »Wissen Sie eigentlich, daß Ihre Geschichten in Deutschland von einer Frau namens Erika Fuchs genial übersetzt wurden?«
Barks: »Sie muss sehr gut gewesen sein, denn durch die Gespräche mit Fans hatte ich immer den Eindruck, daß die deutschen Leser meinen Witz am besten verstanden haben, im Gegensatz zu den Italienern z.B., wo der Geist dieser Geschichten in der Übersetzung offensichtlich verlorengegangen ist.«

Apropos Italien. Abraham Melzer, mein alter Freund und Kupferstecher, der hat einmal in seinem Verlag Prachtbände mit großen Geschichten von Donald, Dagobert etc. herausgebracht. Die Rechte dafür hat er aus Italien (Mondadori) bekommen, das konnte der deutsche Rechteinhaber EHAPA nicht verhindern; aber die Übersetzung von Erika Fuchs durfte Abraham natürlich nicht übernehmen. Er mußte neu übersetzen lassen. Er ließ den linken krampfigen Literaten Peter O. Chotjewitz das erledigen, und der hat durch seine unsäglich sauschlechte Übersetzung die Geschichten kaputtgeschrieben. Wenn man sein Machwerk mit Erika Fuchs vergleicht, geht man gleich nochmal vor dieser vortrefflichen Frau auf die Knie! Also bitte niemals bei ebay oder im Antiquariat Donald-etc-Bücher aus dem Melzer-Verlag erwerben. Nur wo EHAPA-Verlag draufsteht, sind Barks/Fuchs drin.

Obenstehend, wie leicht zu sehen ist, »Der goldene Helm«, eine der vielen schönsten und besten Geschichten von DD. Auch der Winkeladvokat, der darin für jeden die passende Rechtsberatung macht, bleibt unvergeßlich, also selbstmurmelnd pädagogisch höchst wertvoll!

In einer anderen Geschichte Donald Duck als verhinderter Feuerwehrmann: »Hoffentlich ist der Brand nicht gelöscht, bevor ich da bin!« – Über sowas kann man doch wohl glatt eine (mindestens eine) Habilitation verfassen!

P.S.:
Am 22. April 2005 ist Erika Fuchs gestorben, hochbetagt, im Alter von 98 Jahren. Viele verdanken ihr viel: Liebe zur Sprache, zum erkenntnisträchtigen, aufklärerischen Wortwitz und der damit verschwisterten Aufmüpfigkeit; die freie Sicht aufs Absurde der Welt und des angestrengten Strebens von Mensch und Ente. Die Trauer um diese vorzügliche Frau, der Mutter so viel literarischen Vergnügens, wird gemildert durch die Gewißheit, daß sie längst unsterblich geworden war.

2. P.S.:
Zuerst mit einiger Verblüffung, aber dann auch wieder nicht, lese ich in der F.A.Z. einen Nachruf auf Erika Fuchs von Elke Heidenreich, der mir vollkommen aus dem Herzen (und den kleinen grauen Zellen) geschrieben ist. Ich erlaube mir, ihn in der Rubrik "Fremdes Federlesen"(!) über die Tageszeitung hinaus zu verewigen, und hoffe, Elke Heidenreich nimmt mir das nicht übel.

Curzio Malaparte: »Die Haut« und »Kaputt« Härtester Realismus und absurd-wüsteste Kolportage aus dem nach/faschistischen Italien. Malaparte ist der Schriftsteller und Dandy, der sich vom (auch) Mussolini-Baumeister Antonio Libera die schönste und immer noch modernste Casa auf Capri bauen ließ. Auf Capri? Auf der Welt!

»Malapartes Romanreportage Die Haut über die amerikanischen Befreier in Neapel, die ein Jahr vor dem Kriegsepos Kaputt erschienen war, hatte uns durch die schiere Frechheit und seine moralistisch aufgeputzte Schamlosigkeit sozusagen über den Haufen gerannt. Italien und Neapel zumal, dachten wir mit einer Prise der Genugtuung, hatten bisher noch jede Besatzungsmacht korrumpiert.«
(Schreibt der ehemalige Kanzlerflüsterer Klaus Harprecht 2005 in der »Zeit«, wo er »Kaputt« mit politischer Tendenz als peinlichen Kitsch verreißt. Ich nehme an, es handelt sich dabei um eine grundanständige sozialdemokratische Abwehr von Zumutungen wie sie nicht im Parteibuch stehen.) 

»«Kaputt», im Oktober 1944 in Neapel erschienen und der erste internationale italienische Bestseller, ist ein schrilles Kriegsgemälde. Seine Ungeheuerlichkeit bezieht der Roman aus dem Gegensatz der Wirklichkeitsausschnitte. Ein stilvolles Diner in den Gemächern des Generalgouverneurs von Polen, Hans Frank, wird durch die Schilderung eines Pogroms in Jassy, die der Held und Ich-Erzähler beim Gänsebraten zum Besten gibt, in ein gleissendes Licht getaucht und wirkt wie eine Höllenfahrt. Auf drastische Beschreibungen des Soldatenalltags oder der Todesqualen rumänischer Juden in Viehwaggons folgen elegische Landschaftsbilder. Das Grauen verdichtet sich in einzelnen Bildern: wie der Ustascha-Führer Ante Pavelic stolz einen Korb voller Menschenaugen vorzeigt, den er neben seinem Schreibtisch aufbewahrt; wie sich der nackte Himmler in der finnischen Sauna mit Birkenzweigen auspeitschen lässt; wie russische Soldaten unter den Augen ihrer lachenden Bewacher die Leiche eines Kameraden verzehren. Malapartes Montagetechnik, seine Neigung zur Kolportage, der kalte Realismus und seine Schockästhetik mögen effekthascherisch sein. Aber sie bringen das Ausmass der Verheerungen und die monströse Psyche der deutschen Machthaber zum Ausdruck: Die feucht-weiche Physiognomie des Generalgouverneurs Frank vergisst man nicht mehr.« (So Maike Albath in »Neue Zürcher Zeitung«, anläßlich der Neuausgabe von »Kaputt« im Zsolnay-Verlag 2005)

Dalton Trumbo: »Süß und ehrenvoll« Ungeheuerliches, atemberaubend kühnes & radikales Buch über Krieg. Manche sagen: Das Buch über/gegen Krieg! Denn: Alle Bücher, die Krieg zwecks Abschreckung realistisch drastisch schildern, laufen Gefahr, mit diesen Schilderungen dennoch zu faszinieren; dieses nicht. Wie Trumbo das vertrackte Problem gelöst hat, das sollte nicht vorab enthüllt werden. Der Roman erschien 1939, drei Tage vor Beginn von WK2. Ist auch unter dem Titel »Johnny zieht in den Krieg« deutschsprachig veröffentlicht; so ebenfalls der Titel des von Trumbo selber gedrehten Films. Trumbo war ja eigentlich Drehbuchautor (»Exodus«, »Spartacus«), mußte allerdings viele Drehbücher unter Pseudonym verfassen, weil er im mccarthysierten Hollywood offiziell als verfemt galt; einer der berühmten Schandflecke der strahlenden Metropole des Filmhandwerks und der Filmkunst. Aber das hat Hollywood auch bemerkt und bereut. Mit tatkräftiger Hilfe z.B. vom großartigen Kirk Douglas und natürlich von Stanley Kubrick!

Dashiell Hammett: »Rote Ernte«, »Der Malteser Falke«, »Der gläserne Schlüssel«, »Der dünne Mann« ...also eigentlich fast alles! Hammett und Chandler natürlich auch sind überragende Meister des lakonischen Stils, der sehr dem Kino verbunden ist: Einstellung auf Einstellung, harte Schnitte,  pures Geschehen, ohne große Erklärung und Reflektion – die muß man schon selber in der action finden und ableiten, wenn man nicht nur zugucken will, was auch okay ist.

Ich ziehe diese Krimis entschieden auch dem stilistisch verwandten Hemingway vor, mich interessieren die Stories aus den Großstädten mehr, und vor allem bin ich dem Hemingway ewig böse wegen des stinklangweiligen alten Manns samt seinem blöden Meer, womit er der deutschen metaphernden, symbolsüchtigen Lehrerschaft zusätzlich zum »Fänger im Roggen« ein entsetzliches Folterinstrument in die Hände gegeben hatte und einem sogar noch den Ozean durch literarische Trockenlegung verleiden konnte, was schon als Versuch eine ziemliche Schandtat sein dürfte.

Übrigens hat der verdienstvolle Diogenes-Verlag inzwischen begonnen, die Titelbilder seiner Ausgaben der beiden Meisterautoren mit Bildern aus der "Schwarzen Serie" – "Film Noir" – Hollywoods zu verzieren; das ist schön und das ist auch richtig, denn die ist von Chandler und Hammett maßgeblich beeinflußt, wenn nicht sogar durch ihre Bücher losgetreten worden. Obenstehende Abbildung zeigt eines der Alptraumpaare dieser Filmzeit, nämlich Veronika Lake und Alan Ladd; sämtliche Filme mit diesen beiden sind grandiose Spitzenwerke des Genres und kältestens zu empfehlen!

»Das kleine Museum« Herausgegeben von Alain le Saux und Grégoire Solotareff. Eins der schönsten Kunstbücher nicht nur für Kinder, auch wenn es für die gedacht und gemacht ist. Es werden Seite für Seite alltägliche Dinge, Lebewesen, Handlungen gezeigt – Auge, Flasche, Kampf, Haus, Fuß, Kohlkopf etc. – und zwar gemalt von den großen Meistern: Ausschnitte aus ihren Gemälden. Wunderschönes, bildendes, intelligentes Buch. Gibt es broschiert, gab es aber in den ersten Auflagen auch gebunden; ich empfehle sehr, das gebundene zu suchen! 
Der Verlag schreibt werbend und dabei nicht übertreibend:

Ein Kompendium der Kunst, von Adler bis Zylinder alphabetisch geordnet: 149 Begriffe, dazu 149 Ausschnitte aus Gemälden großer Meister der Klassik und der Moderne, versammelt dieses umfangreiche kleine Museum »ebenso einfach wie verblüffend« (Neue Zürcher Zeitung) und verlockt auf unwiderstehliche Weise immer wieder zum Blättern, zum Nachschlagen und zu Entdeckungsreisen in der Kunst. Das kleine Museum wurde mit dem »Luchs« von ZEIT und Radio Bremen sowie auf der Kinderbuchmesse Bologna ausgezeichnet, kam auf die Liste »Die besten 7« sowie auf die Empfehlungsliste der Saarländischen Rundfunks. Ute Blaich, Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt: »Ein herrliches Bilderbuch, das schönste des Jahres. Lustvoller lässt sich nicht zeigen, wie schillernd schön, atemberaubend, sanft oder dämonisch die Künste aus vielen Jahrhunderten sein können.«  So ist es!

David Macaulay: »Sie bauten eine Kathedrale« (»Cathedral«) Macaulay hat eine Reihe von Büchern gezeichnet, in denen er darstellt, wie berühmte epochale Bauwerke entstanden: und warum. Frappierend und wirklich bewundernswert ist sein minutiöses Zeichnen, das aber immer künstlerisch bleibt, also lebendig, und niemals ins technische sich versteift.

Erschienen sind außer der herrlichen »Cathedral« auch »Sie bauten eine Pyramide«, »Es stand einst eine Burg«, »Eine Stadt wie Rom«, »Unter einer Stadt« und der mit großen Bauwerken Spiel und Spott treibende »Rückbau«, außerdem ein großes Buch über Technik und was darin- bzw. dahintersteckt.

Alle Bücher sind in Großformaten (etwa DIN A4) meist bei Artemis erschienen, danach, wie üblich, in völlig ungenügenden Taschenbuchformaten; das ist wie »Ben Hur« oder »2001« oder »Jurassic Park« auf dem Notebook gucken. (Aber es herrscht ja ein solcher Grad von Verkommenheit der fastfoodhaften Konsumierung, daß auch dies immer mehr zu beobachten ist. Den Tod der Kinos riecht man schon! Und Bücher?) Beim Hildesheimer Verlag Gerstenberg erhält man das neuere Werk »Sie bauten eine Moschee« 2005 noch im Großformat (wie auch ähnliche herzlichst zu empfehlende Bücher von Stephen Biesty über »Schiff« und »Burg«). Die »Kathedrale« gibt es groß und auf deutsch wieder beim Patmos-Verlag (zu dem Artemis/Winkler heute gehört), leider mit einem schreiend colorierten Einband: verfluchtes Marketing bzw. was sich dafür hält!

»Die Erzählungen aus den Tausendundein Nächten« Als aus dem Orient, auch bei Nacht, noch Lux und nicht finisterre Finsternis kam. Gehören unbedingt zur kulturellen, literarischen Unterfütterung des Abendlandes, zusammen mit der fundamentierenden  Bibel, den Sagen des klassischen Altertums, den europäischen Erzählungen, Gesängen & Sagen des Mittelalters; dazu natürlich die Märchenwelt, wie sie für Deutschland die Brüder Grimm überliefert haben.

Wenn man nun keine große Bücherkiste zur Insel mitnehmen könnte, dann wären diese wenigen Werke – dazu als Bonus Arno Schmidts "Faun" –  der eiserne Bestand: Alle Geschichten der Menschheit sind hier schon erzählt. Wer sie nicht kennt, versteht den allergrößten Teil von Literatur, Bildender Kunst, Musik, Kino usw. kaum oder überhaupt nicht. Begreift nicht Goethe, nicht Bach, nicht Stephen King, nicht Marx, nicht Rubens, nicht Brecht, nicht Donald Duck und Micky Maus, nicht Beuys, nicht Wagner&Verdi, auch nicht Bob Dylan oder die Stones oder Eminem, Cohen nicht und nicht Lennon/McCartney, keinen Terminator, Magnolia, Sieben, Matrix, Star Wars, Indiana Jones und auch sonst keinen Film von Belang etc. Eigentlich: Gar nichts, jedenfalls nicht richtig und gut genug.

Statt Taschenbuch (wie hier) die leinengebundene Insel-Ausgabe besorgen; liest sich besser und hält tausendundein Nächte! Lohnt sich in jedweder Hinsicht.Noch eine Anmerkung zu den deutschen Übertragungen des orientalischen Welterbes; der Klappentext der auch heute noch maßgeblichen Insel(!)-Ausgabe sagt:

 »6 Bände in Kassette. Vollständige deutsche Ausgabe, nach dem arabischen Urtext der Calcuttaer Ausgabe aus dem Jahr 1839, übertragen von Enno Littmann. Der Tübinger Orientalist Enno Littmann hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts die vollständige Sammlung von Tausendundeiner Nacht erstmals aus dem Arabischen ins Deutsche übertragen.
 Die Ausgabe erschien in den zwanziger Jahren im Insel Verlag und wurde von Littmann bis zu seinem Tod im Jahr 1958 immer wieder revidiert. Bis heute sind zahlreiche Auflagen erschienen, von Fachleuten und Lesern hoch gelobt.
Mit dieser Edition wird der ganze literarische Reichtum der Erzählungen aus den Tausendundein Nächten (Alf laila wa-laila) wirklich sichtbar, die Fülle der Liebes-, Schelmen- und Seefahrergeschichten, der Sagen und Legenden, Fabeln, Parabeln und Anekdoten, die Schehrezad dem König Schehrijar erzählt. Hier finden sich die berühmten Erzählungen von Aladdin und der Wunderlampe, von Ali Baba und den vierzig Räubern, von Sindbad, dem Seefahrer


Perlentaucher.de referiert eine Renzension aus "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 26.11.2004: Hubert Spiegel bricht eine Lanze für diese Übertragung der "Erzählungen aus den Tausendundein Nächten" (!), die Enno Littmann besorgt hat. Denn die kürzlich viel gelobte und auch von Spiegel als "lesenswert" erachtete jüngste Übersetzung von Claudia Ott enhält - philologisch durchaus berechtigt - so berühmte Erzählungen wie "Sindbad" und "Aladin" nicht, da diese nicht zum ursprünglichen Textkorpus gehörten. Zweifelsohne sind diese Texte aber nicht aus dem Kanon der arabischen Literatur wegzudenken, weshalb nach Meinung des Rezensenten die vorliegende Littmann-Fassung des Lesers erste Wahl darstellen sollte. Denn diese ist die "umfassendste auf deutsch, und sie ist ein Schmuckstück, als Taschenbuch oder leinengebunden".

Es sind etliche deutsche Fassungen auf dem Markt! Emily Brontë: »Sturmhöhe – Wuthering Heights« Ein Buch, das auch heute noch fesselt und verstören kann. Ein derzeitiger Verlagstext: »Liebe, Haß und Tod – ein Drama spielt sich ab auf dem Gutshof Wuthering Heights in Yorkshires düsterer Nebellandschaft. Vom Dämon der Rache und Eifersucht besessen, richtet der Findling Heathcliff ein Werk der Zerstörung an. Mehrere Generationen werden in einen Strudel rasender Leidenschaften gezogen. Emily Brontës ergreifende Geschichte voll psychologischer Raffinesse löste 1847 einen Sturm der Empörung aus

Und Kindlers neues Literaturlexikon: »Wuthering Heights (dt: Sturmhöhe). Roman von Emily Jane Brontë, erschienen unter dem Pseudonym »Ellis Bell« 1847. – Emily Brontës einziger Roman, entstanden in der Einsamkeit des Pfarrhauses von Haworth, Yorkshire, ist unter den Werken der viktorianischen Erzähler eine singuläre Erscheinung. Die Veröffentlichung von Wuthering Heights löste in weiten Kreisen Empörung aus. Besonders die deutliche Betonung der erotisch-sexuellen Ebene auch bei den weiblichen Figuren erregte den Unwillen des Publikums, als die wahre Identität der Autorin bekannt wurde. Nicht einmal Charlotte Brontë wagte es, für das Buch der Schwester voll einzustehen. Erst Ende des 19. Jh.s begann man, die Bedeutung des Werks zu erkennen, das seine Zeit überragt und heute zu den großen Beispielen englischer Romankunst gezählt wird

Was soll man da sagen? Stimmt genau. Es sind etliche deutsche Fassungen auf dem Markt. Ein schönes Buch ist die Manesse-Ausgabe: Handliches Format, und ledergebunden auch ein bibliophil haptischer Genuß. Die Übersetzung von Siegfried Lang ist konservativ solide und bringt einen schon sprachlich in der Zeit zurück. Die für Suhrkamp/Insel von Grete Rambach besorgte Übertragung versucht sich an einem frischen Ton, versucht wohl die Wirkung der Brontë in ihrer Zeit auch beim heutigen Leser zu erzielen; das kann natürlich nicht klappen, aber der Versuch ist aller Ehren wert. Auf der interessanten fundgrubigen Fan-Website http://www.beepworld.de/members11/wokofunped/wuthering-heights.htm  werden viele Übersetzungen des Romananfangs einander gegenübergestellt, wobei man auf Flüchtigkeiten achten sollte; man entdeckt sie recht leicht. Hier sind neben dem Original die deutschen Fassungen von Rambach und Lang:

1801 – I have just returned from a visit to my landlord - the solitary neighbour that I shall be troubled with. This is certainly a beautiful country! In all England, I do not believe that I could have fixed on a situation so completely removed from the stir of society. A perfect misanthropist's Heaven: and Mr. Heathcliff and I are such a suitable pair to divide the desolation between us. A capital fellow! He little imagined how my heart warmed towards him when I beheld his black eyes withdraw so suspiciously under their brows, as I rode up, and when his fingers sheltered themselves, with a jealous resolution, still further in his waistcoast, as I announced my name.

1801. Ich bin gerade von einem Besuch bei meinem Gutsherrn zurückgekehrt - diesem einsamen Nachbarn, der mir zu schaffen machen wird. Was für eine schöne Gegend! Ich glaube nicht, daß ich in ganz England meinen Wohnsitz an einer anderen Stelle hätte aufschlagen können, die so vollkommen abseits vom Getriebe der Welt liegt. Ein echtes Paradies für Menschenfeinde; und Mr. Heathcliff und ich sind das richtige Paar, um diese Einsamkeit miteinander zu teilen. Ein famoser Bursche! Er ahnte wohl kaum, wie mein Herz ihm entgegenschlug, als ich sah, wie seine schwarzen Augen sich bei meinem Näherreiten so abweisend unter den Brauen verbargen und wie seine Hände sich in entschiedenem Mißtrauen tiefer in sein Wams vergruben, während ich meinen Namen nannte. Grete Rambach, Insel Verlag

1801 – Ich komme eben von einem Besuch bei meinem Mietsherrn zurück, dem einsamen und einzigen Nachbar, mit dem ich mich abzugeben habe. Das ist freilich eine wunderbare Gegend! Ich glaube, in ganz England hätte ich keinen allem Gesellschaftstreiben gleich entzogenen Ort finden können. Der wahre Himmel für einen Menschenfeind! Und Mr. Heathcliff und ich, wir eignen uns so trefflich dazu, diese Verlassenheit unter uns zu teilen. Ein prächtiger Kerl! Er ahnte nicht, wie ihm mein Herz entgegenschlug, als ich beim Anhalten meines Pferdes sah, wie seine dunklen Augen mißtrauisch in ihre Höhlen zurückwichen, wie seine Finger mit einer heftigen  Entschlossenheit sich tiefer in sein Wams vergruben, als ich meinen Namen nannte. Siegfried Lang, dtv/Manesse 

Können Sie sich entscheiden?

Eric Ambler: »Die Maske des Dimitrios« ... und andere Amblers, so gut wie alle sind maßstabsetzend im Genre des politischen Thrillers. Da wirken die auch sehr guten und klugen John Le Carré und Frederick Forsyth etc. doch etwas epigonal – Ambler ist der strenge Meister.

Erich Kästner: »Das fliegende Klassenzimmer«
Ein Kinderbuchklassiker, der einen Knaben bis ins hohe Alter begleiten kann... Handelt von Freundschaft, Angst, Mut, Feigheit, Verletzungen, Schabernack, Traurigkeit, Kindern und Eltern, Hoffnung, Hunger, Schneeballschlacht, ganzen und halben Familien, Armut, Gerechtigkeit, Goethe, Leid, Relativitätstheorie, Theaterspielen, Einsamkeit, wirklichen und hohlen Autoritäten, Depression, Liebe, Erlösung auch auf Erden. Von Weihnachtsgeschenken und einem guten Rotwein!

Es gibt auch eine sehr hübsche anrührende Verfilmung von 1954, duch persönlichen Auftritt Kästners geadelt, der bei Garmisch auf einer prachtvollen Wiese schriftstellert, mit Blick auf die majestätische Zugspitze – beneidenswert! Die spätere Verfilmung aus den 70er Jahren ist so grottenschlecht, daß man’s gar nicht fassen kann. Die letzte von 2002 soll ganz gut sein, auch wenn sie zwecks Modernisierung (jetzt mit Mädchen und Unterhaltungselektronik!) nicht mehr den Kästner wiedergeben dürfte. Die alten schwarzweißen Film-Fassungen werden von den TV-Anstalten mehr und mehr gemieden: Fernsehkollegen vom KinderKanal sagten mir, die Kids könnten buchstäblich keine Schwarz-Weiß-Filme mehr sehen – noch eine Bildungsaufgabe für die Schulen! Und die Sender auch!! Es wäre doch eine Schande, wenn das alles abgemurkst würde. Bytheway: Den schönen »Meisterdetektiv Blomquist« von 1947 zeigt das gebührenfinanzierte Fernsehen schon lange nicht mehr, und leider gibt es ihn auch nicht auf Video/DVD. Dabei ist er viel besser als das gar nicht so schlechte bunte Remake Ende der Neunziger. Liegt das nur an SW/Farbe?

Erich Kästner: »Emil und die Detektive« Da wir gerade von Filmen sprechen: Zwei sehr gute, sehr unterschiedliche Verfilmungen gibt es von diesem hinreißenden Klassiker – Aufstand der Kinder, der Massen  gegen Unrecht – : Eine von 1931, Drehbuch Billy Wilder, im großstädtischen schwarzweißen Vorkriegsberlin und die andere von 1954 im vertrümmerten Nachkriegsberlin, gedreht in den verwaschenen Pastellfarben alter Farbfotos – was vielleicht noch nicht mal Absicht war. Der Reiz der zweiten Verfilmung besteht nicht nur aber vor allem im Schauplatz: Berlin nach dem Krieg; intelligent war es deshalb, diese beiden Fassungen auf eine DVD zu packen, der side-by-side-Vergleich von Vor- und Nachkriegs-Berlin ist zusätzlich ergreifend. Die letzte Verfilmung – 2001– ist sicher gut gemeint, aber damit (wie Gottfried Benn einst erkannte) eben auch das Gegenteil von Kunst.

Prisma-Online bemerkt völlig zutreffend: »Wie schon die Neuverfilmungen der Kästner-Klassiker "Das doppelte Lottchen" und "Pünktchen und Anton" verlegte Regisseurin Franziska Buch auch hier die Handlung in die 90er Jahre. Doch die Aktualisierung tat auch "Emil" nicht gut. Der Charme der 30er Jahre geht völlig verloren und einige Handlungsstränge funktionieren heute so einfach nicht. Die Umsetzung und auch die Schauspieler sind zwar recht solide, doch dem wohl bekanntesten Buch von Erich Kästner wird dies in keiner Minute gerecht.« Stimmt haargenau. Nach meiner Ansicht trifft das so auch auf neuere, aktualisierte »Blomquist«-Verfilmungen zu – siehe oben und noch weiter oben. Beobachten läßt sich dieses Phänomen fast immer bei den vor allem fürs Farbfernsehen gemachten Remakes schwarzweißer Film-Klassiker, ganz krass bei dem Einstellung für Einstellung kopierten »Psycho«; und: Kann man sich »Casablanca« anders, farbig vorstellen, nicht nur aus Gewohnheit? Schon die skandalöse Einfärbung schwarzweißer Originale, z.B. »Der Glöckner von Nôtre-Dame« mit dem grandiosen Laughton, scheitert erbärmlich, auch wenn »arte«  sich völlig vergißt und ihn derart vergewaltigt vorführt. Aber woher rührt das Problem? Wie kommt das? Form/Inhalt?

Zurück zum Buch: Auf der Homepage vom »Goethe-Institut Frankreich« schreibt Birgit Tellmann 2002:
»Der Kinderbuchklassiker »Emil und die Detektive« von Erich Kästner begeistert auch nach über siebzig Jahren seine Leser. Die weltbekannte Geschichte des selbstbewußten Jungen aus den 20er Jahren, der erstmals von der Kleinstadt allein nach Berlin reisen darf, gilt als einer der erfolgreichsten deutschen Kinderkrimis (mittlerweile 140 Auflagen, in 30 Sprachen übersetzt). Seinen Erfolg verdankt Kästners Roman sicherlich der Wahl des Schauplatzes: Berlin war damals die modernste Stadt, geprägt durch neueste Technik und kulturelle Vielfalt, an diesem Ort herrschte ein anderes Lebensgefühl. Deshalb ist „Emil und die Detektive“ zugleich auch ein Großstadtroman. Über diesen ersten deutschen Kinderkrimi ist stets kontrovers diskutiert worden. Seine Bedeutung lag vor allem in der neuen Kindergestalt, die Emil verkörperte, charakterisiert durch sein selbständiges Handeln und Denken, wie es bisher in der Kinderliteratur unbekannt war. Darüber hinaus machen auch Kästners aktueller Gegenwartsbezug und sein neuer realistischer Erzählstil den Roman zu einem herausragenden Werk. Der Autor entwirft in seinem ersten Kinderbuch seine utopische Vision, mit pädagogischen Methoden zur humanen Gesellschaft zu gelangen. Dabei gelten seine Erziehungsideale - hier beispielhaft anhand der Selbsterziehung vorgeführt - gleichermaßen für Kinder als auch Erwachsene.«

Jawohl, Kästners Kinderbücher sind eine angemessene und gewinnbringende Lektüre auch für Erwachsene jeden Alters, wie übrigens auch die anderen Kinderbücher, die ich hier vorstelle und empfehle. Die kann man in jedem Lebensalter immer wieder lesen, wiederlesen. Apropos: Es gibt auch Fassungen in neuer "Rechtschreibung". Bitte mit dem Ausdruck von Abscheu und Entsetzen beim Buchhändler zurückweisen!

Eine ehrende Bemerkung noch zum kongenialen Zeichner der Kästnerschen Titelbilder, zu Walter Trier, durch den diese Bücher zu Gesamtkunstwerken wurden. Michael Bienert schreibt in einer schöngewitzten »Web-Ausstellung« der Zentral- und Landesbibliothek Berlin zu »Emil und die Detektive«:
»Jeder kennt seine farbenfrohen Zeichnungen, und doch ist er fast vergessen: Walter Trier, der Illustrator von "Emil und die Detektive" und vielen anderen Kinderbüchern Erich Kästners. ...
Triers relative Unbekanntheit ist aber ebenso eine Spätfolge der nationalsozialistischen Rassenpolitik, die seine glänzende Karriere als Pressezeichner in Berlin beendete. Vor den Repressionen, denen er wegen seiner jüdischen Herkunft ausgesetzt war, floh der eher unpolitische Künstler im Dezember 1936 nach London. In Kanada ist er am 8. Juli 1951 gestorben.
Auch im Exil war er als Illustrator populärer Zeitschriften und Werbegrafiker sehr erfolgreich. Für das Monatsmagazin "Liliput" zeichnete er zwölf Jahre lang das Titelblatt, über einhundertfünfzig Variationen desselben Motivs, eines Pärchens mit einem Hund. Walt Disney wollte ihn als Trickfilmzeichner unter Vertrag nehmen. Doch Trier schlug das Angebot aus, weil er nicht unter einem fremdem Konzernlogo arbeiten mochte. Der Name Trier, in klaren Blockbuchstaben an die rechte untere Bildecke gesetzt, war ein eigenes Markenzeichen.
Im Berlin der Zwanziger Jahre war Trier ein vielbeschäftigter Mann, der für Ullsteinmagazine Titel zeichnete, gelegentlich auch Revuen ausstattete und Wandgemälde ausführte. Edith Jacobson, die Verlegerin der "Weltbühne" und Inhaberin des Kinderbuchverlags "Williams & Co.", stellte 1927 den Kontakt zu Erich Kästner her. Sie schlug dem jungen Journalisten vor, ein Kinderbuch zu schreiben, und stellte ihm den erfahrenen Illustrator Walter Trier zur Seite. So entstand "Emil und die Detektive". ...
Über sein Schicksal schrieb Erich Kästner: "Ein Mann, der, wohin er auch kam, Freude verbreitete, floh mit seinem Spielzeug um den halben Erdball, vor einem anderen Mann, der Grauen und Schrecken verbreitete, wohin er auch kam. Das, finde ich, wäre eine passende Geschichte für die deutschen Lesebücher!"«

Erich Kästner: »Gedichte« Handfest, klug, direkt, keine verschrobenverkrampften Lyrik-Spielchen. Mit auf- und abgeklärter Lakonie. Ein kluger Mann, ein großer Könner, anders als z.B. dieser unsägliche Erich Fried, der Meister von Leuten, die genauso wenig auf dem Kasten hatten. Kästner ist ein großer Unterschied. Enzenberger dann auch. Auch Ulla Hahn, dochdoch, meine ich ernst.

Ganz große Lyriker übrigens, neben den jedem bekannt sein sollenden Klassikern (Benn, Heine, Rilke, Chuck Berry, Eichendorff, Brecht, JWvG, Bob Dylan, Hölderlin usw.):  Leiber/Stoller, Doc Pomus/Mort Shuman, Lennon/McCartney, Michel Sardou, Neil Young, Leonard Cohen.

Achja, Marcel Reich-Ranicki über Kästner: »... Er gehört zu den Moralisten, die zugleich Spaßmacher sind. Er ist ein Conférencier, der keine Hemmungen hat zu predigen. Und er ist ein Prediger, der gern und stolz die Narrenkappe trägt. In allem, was er geschrieben hat, dominiert unmißverständlich und dennoch unaufdringlich das Pädagogische. Mithin ein Schulmeister gar? Aber ja doch, nur eben Deutschlands amüsantester und geistreichster.«
Ein Beispiel für Kästners Kunst kann ich mir trotz urheberrechtlicher Gefahr nicht verkneifen – aber es ist ja Reklame:

Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

1936, aus »Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke«. Ist doch wohl großartig - oder?

Erskine Childers: »Das Rätsel der Sandbank« Eine der prächtigsten Spionage-Geschichten überhaupt, zwischen aufrüstendem Kaiser-Deutschland und entrüstetem perfiden Albion sowie friesischen Inseln. Da Meer und kleines Segelboot Hauptrollen spielen, unbedingt im deutschen Strandkorb oder in einer britischen Badewanne lesen; kann auch eine deutsche Wanne sein, aber dann sollte man zumindest ein englisches Badesalz hinzufügen. Vollendete Lektüre natürlich unter Segeln auf der Nordsee und im Wattenmeer. Eine völkerverbindende Kanalfähre voller Alkoholleichen scheint mir nicht die passende Ambience zu sein.

»›Das Rätsel der Sandbank‹ gilt als erster Spionageroman. Was die Figuren, die Struktur der Handlung und auch den doppelten moralischen Standard betrifft, wurde Childers' Buch zum Vorbild für spätere Spionageromane bis hin zu Ian Flemings James-Bond-Romanen. Verglichen mit heutigen Spionageromanen hat Childers' Buch einen leicht antiquierten Charme bewahrt. Es ist ein Zeugnis aus einer Zeit, als Spionage noch ein Sport für Gentlemen war.« (Jost Hindersmann / Lexikon der Kriminal-Literatur )

Eugène Ionesco: »Die Nashörner« Ionesco war/ist der Schelm der Absurden. Dies auch das Stück darüber, wie man von der Propaganda und ihrer Masse in die Irre gedrückt wird – werden soll.

Eugène Sue: »Die Geheimnisse von Paris« ÖBiBonlin, also Bayerische Staatsbibliothek im Web, dazu: »Sein Roman "Die Geheimnisse von Paris" (1842), der als erster französischer Fortsetzungsroman zwei Jahre lang täglich im Feuilleton einer Tageszeitung erschien, wurde ein riesiger Publikumserfolg . Die "wilde Mischung aus Gosse und Salon, Fantastik und Realismus, Mord, Sex und Alltagskram" (Michael Skasa) wurde in zwölf deutschen Zeitungen nachgedruckt.«

Das Buch hat weißGOTT Furore gemacht, und dies sogar politisch. Marx hat den Roman gelesen und sein Kumpan Friedrich Engels hat ihn einer Anmerkung gewürdigt. So:

»Bewegungen auf dem Kontinent / "The New Moral World" Nr. 32 vom 3. Februar 1844 / Der wohlbekannte Roman von Eugène Sue, die "Geheimnisse von Paris", hat auf die öffentliche Meinung, ganz besonders in Deutschland, tiefen Eindruck gemacht; die eindringliche Art, in der dieses Buch das Elend und die Demoralisierung darstellt, die in großen Städten das Los der "unteren Stände" sind, mußte notwendig die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Lage der Armen im allgemeinen lenken. Wie die "Allgemeine Zeitung", die deutsche "Times", schreibt, beginnen die Deutschen zu entdecken, daß sich im Stil der Romanschriftstellerei während der letzten zehn Jahre eine vollkommene Umwälzung vollzogen hat; daß an die Stelle von Königen und Fürsten, die früher die Helden solcher Erzählungen waren, jetzt die Armen getreten sind, die verachtete Klasse, deren gute und böse Schicksale, Freuden und Leiden zum Thema der Romanhandlung gemacht werden; sie kommen endlich dahinter, daß diese neue Klasse von Romanschriftstellern, wie zum Beispiel G. Sand, E. Sue und Boz <Pseudonym für Charles Dickens>, wirklich ein Zeichen der Zeit ist. Die guten Deutschen hatten immer gedacht, daß es Not und Elend nur in Paris und Lyon, in London und Manchester gäbe, und daß Deutschland völlig frei sei von derartigen Auswüchsen der Überzivilisation und des Übermaßes an Industrie. Jetzt aber beginnen sie zu sehen, daß auch sie ein beträchtliches Maß sozialer Leiden aufzuweisen haben; die Berliner Zeitungen gestehen, daß das "Voigtland" ihrer Stadt in dieser Hinsicht nicht hinter St. Giles oder sonstigen Wohnstätten der Parias der Zivilisation zurücksteht; sie gestehen, daß zwar Gewerkschaften und Streiks bisher in Deutschland unbekannt geblieben seien, aber Hilfe dennoch sehr notwendig wäre, um das Auftreten ähnlicher Erscheinungen bei ihren eigenen Landsleuten zu vermeiden, Dr. Mundt, Dozent an der Berliner Universität, hat eine Serie öffentlicher Vorlesungen über die verschiedenen Systeme der sozialen Neugestaltung begonnen; und wenn er auch nicht der Mann ist, sich über solche Dinge ein richtiges und unparteiisches Urteil zu bilden, so müssen diese Vorlesungen doch sehr förderlich sein. Man kann sich leicht vorstellen, wie günstig dieser Zeitpunkt für den Beginn einer ausgedehnteren sozialen Agitation in Deutschland ist, und welche Wirkung eine neue Zeitschrift haben wird, die für durchgreifende Sozialreform eintritt. Eine solche Zeitschrift ist in Paris unter dem Titel "Deutsch-Französische Jahrbücher" gegründet worden; ihre Herausgeber, Dr. Ruge und Dr. Marx, gehören ebenso wie die übrigen Mitarbeiter zu den "gelehrten Kommunisten" Deutschlands und werden unterstützt von den angesehensten sozialistischen Schriftstellern Frankreichs. Für die Herausgabe der Zeitschrift, die monatlich erscheinen und französische wie deutsche Artikel enthalten soll, hätte wahrhaftig kein günstigerer Zeitpunkt gewählt werden können, und ihr Erfolg darf als gewiß gelten, noch ehe die erste Nummer erscheint.«

François Truffaut: »Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?« Einzigartiger unvergänglicher Grundkurs zum Verständnis von Film und Filmemachen.

Waschzettel Heyne-Verlag: "Humorvoll, klug, verschmitzt, ironisch, keiner Pointe und Anekdote abhold, so präsentierte sich Alfred Hitchcock in den ausführlichen Interviews, die François Truffaut mit ihm führte und in denen er 500 Fragen beantwortete. Entstanden ist daraus das vielleicht aufschlussreichste Filmbuch überhaupt, eine Hommage an Hitchcock und an das Filmemachen."

Das Filmmuseum Potsdam: »Jahrzehntelang blieben Hitchcocks Filme von der Filmkritik unterbewertet, weil man sie nur als Massenunterhaltung und nicht auch als Kunst verstanden hatte. Erst Ende der 50er Jahre wurde der Regisseur von jungen Autoren der französischen Filmzeitschrift "Cahiers du Cinéma" wie Francois Truffaut, Claude Chabrol, Eric Rohmer und Jacques Rivette, die später selbst zu anerkannten Filmregisseuren wurden, entdeckt und gewürdigt. Sie etablierten Hitchcock als Autor, der ein persönliches Werk geschaffen hatte, das von seinen Obsessionen geprägt ist.

Francois Truffaut begann 1962 mit den Aufnahmen zu seinem 50-Stunden-Interview mit Hitchcock, das 1966 als Buch unter dem Titel "Le Cinéma selon Hitchcock" (deutsch erstmals 1973 unter dem Titel "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?") veröffentlicht wurde. Wie kein anderes Buch hat dieses Werk unsere Sicht auf den Autor Hitchcock geprägt. "Es ist ein wertvolles Zeugnis der brillant sparsamen Technik Hitchcocks und auch ein Meisterwerk Hitchcockscher Eigenwerbung." (Donald Spoto) Von Hitchcock-Begeisterten zu dem Filmbuch überhaupt stilisiert, wurde es in alle Weltsprachen übersetzt. Für viele wurde es zum Ausgangspunkt für eine intensive Erforschung seines Werkes und darüber hinaus zu einem Fanal für die Beschäftigung mit dem Medium Film.«

Franz Kafka: »Der Proceß« (Merke: Man hat nicht das Recht zu schweigen!)

Franz Werfel: »Eine blaßblaue Frauenschrift« Entsetzlich bedrückende Geschichte über den furchtbaren Opportunismus im Angesicht heraufziehender Macht bzw. neuer Macht; wehtuende Erzählung über verratene Liebe.

Der S. Fischer Verlag zur Taschenbuchausgabe: Wien, im Oktober 1936. »Depression über Österreich. Stürmisches Wetter im Anzug.« Im Juli hat sich Kanzler Schuschnigg durch ein Abkommen mit dem Deutschen Reich verpflichtet, Vertreter der nationalen Opposition in seine Regierung aufzunehmen und damit nationalsozialistisches Gedankengut, nicht zuletzt auch der offenen Aggression gegen Juden in Österreich Tür und Tor zu öffnen. Leonidas ist seit einigen Monaten Sektionschef im Ministerium für Kultus und Unterricht. Seine Weltanschauung besteht allein darin, daß es der einzige » Sinn und Zweck der Veranstaltung des Universums« sei, »Götterlieblinge seinesgleichen mit Macht, Fhre, Glanz und Luxus auszustatten«. Aus bescheidenen Verhältnissen stammend, hat er die Tochter aus einer der vermögendsten Familien der Stadt geheiratet, Karriere gemacht. Wenige Monate nach seiner Heirat beginnt er auf einer Dienstreise ein Verhältnis mit Vera Wormser, Tochter einer Wiener jüdischen Familie. Jahre später, im Oktober 1936, erhält Leonidas einen Brief in blaßblauer Frauenschrift, einen formellen Bittbrief von Vera, er möge einem begabten Menschen, der aus allgemein bekannten Gründen in Deutschland sein Gymnasialstudium nicht fortsetzen darf und es daher in Wien vollenden möchte, helfen. Die Zeit scheint Leonidas eingeholt zu haben - die Ahnung, Vater eines durch die Mutter jüdischen Sohnes zu sein, erschreckt ihn vor allem; er fürchtet »nichts mehr als den Verlust des Reichtums, den er so nonchalant« genießt; er weiß, daß er seine Karriere dem feinen Gespür für die menschlichen Eitelkeiten, seinem Taktgefühl und »der schmiegsamen Nachahmungskunst« verdankt, »deren Wurzel freilich in der Schwäche meines Charakters liegt«. Entsprechend verhält er sich: Die »Sache mit Vera« wird »endgültig aus der Welt geschafft«.

Friedrich Dürrenmatt: »Der Richter und sein Henker« Weltweit inzwischen über 5 Millionen Auflage, wundert mich nicht. Aber auch unbedingt lesenswert »Der Verdacht«, »Das Versprechen«, »Die Panne«, »Der Tunnel« u.a. Dürrenmatt unterhält mit spannenden Geschichten und hohem intellektuellem Reiz.

»Daß es sich bei den sogenannten Kriminalromanen um Nebenwerke handle, ist eine Ansicht, hinter der ich die Rache der Germanistik vermute: Dafür, daß Friedrich Dürrenmatt mit vollem Bewußtsein gegen das anschrieb, was (damals) allein als Kunstwerk zugelassen war. Die Kriminalromane sind im Hinblick auf Dürrenmatts Ästhetik geradezu Schlüsselwerke.«  Wird vom "Diogenes-Verlag" als Zitat Peter Ruedis aus "Die Weltwoche", Zürich, übermittelt; ich gebe es hier ohne Datum und ohne Gewähr und ohne schlechtes Gewissen weiter.

Fruttero/Lucentini: »Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz«  Zwei italienische Krimiautoren, die zeigen, was Frau Leone nicht kann. Wer einmal, was zu empfehlen ist, Ferien in Forte dei Marmi machen kann, sollte sich auch »Das Geheimnis der Pineta« einpacken.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: »Phänomenologie des Geistes« Hegel – siehe auch oben: Alexandre Kojève – ziehe ich als anregend bildende Lektüre (auch zum Verständnis moderner Geschichte und Gesellschaft) dem wichtigen und epochalen Aufklärer Kant vor; von dem reichen für den Alltag m. E. die von Film, Funk, Fernsehen und Oberstufe bekannten Zitate und Imperative, welchselbige so gut wie alle Politiker schon beim Aussprechen verraten; apropos Politik: Mit seiner Schrift zum Ewigen Frieden hat sich der Mann aus Königsberg ganz furchtbar verhauen. Habe beim Lesen darob einen richtigen Schreck gekriegt.

George MacDonald Fraser: »Flashman« Irrsinnig und abenteuerlich, wie der Soldat Flashman die Weltgeschichte beeinflußt hat – überall hat er im 19. Jahrhundert mitgefummelt – auf deutsch in rund 10 Bänden zu lesen.

George Orwell: »1984« Ruhmreich, sprichwörtlich. Ganz groß! »Neudenk« und »Zwiesprech«, damit begreift man auch heute Bundes- bis Weltpolitik und nicht nur vor allem Totalitarismus.

»Maigret und die schrecklichen Kinder«  - Kiepenheuer&Witsch 1955Georges Simenon: »Maigret und die schrecklichen Kinder«
Übersetzt von Paul Celan! Von Simenon kann, sollte man eigentlich fast alles lesen; nicht nur die ruhmreichen Maigrets sämtlich. Einer der ganz Großen, der wenigen Giganten! Zum Niederknien. Auch seine voluminösen autobiographischen Stücke.

Übrigens sehr lohnende, erstaunlich aufwendige nicht-kommerzielle deutsche Website von Oliver Hahn: http://www.maigret.de. Eine Schatzkiste für glühende Liebhaber wie mich. Dort auch eine äußerst interessante Schilderung der Übersetzungsschwierigkeiten von und mit Paul Celan, Heinrich Böll als Vermittler und dem Verlag Kiepenheuer & Witsch. Dito höchst empfehlenswert die bei Diogenes (seinem jetzigen Verlag) erschienene Biographie »Simenon« von Stanley G. Eskin.

Simenon macht einen schier fassungslos, seine Kunst, Geschichten in größter Dichte zu erzählen, zu erzählen vom Menschen und seinen Verstrickungen. Ein genialischer Menschenbeobachter und fabelhafter Schreiber von unglaublicher Begabung nebst Schaffenskraft. Ganz und gar einzigartig. Auch große Kollegen von Simenon ehren ihn als einen der größten Schriftsteller überhaupt, Fellini bewunderte ihn vollkommen:
»Ich konnte nie glauben, daß Simenon wirklich existiert. Seine ungeheure Produktion, mein immer neues Staunen über die Vollkommenheit seiner Erzählungen, die psychologische Genauigkeit seiner unendlich vielen Figuren, die Eindrücklichkeit der Landschaftsbeschreibungen vermittelten mir stets das Bild eines hinreißenden Schriftstellers, das aber so ungreifbar und unbestimmt blieb wie etwa das Bild des Frühlings, des Meeres, das Bild von Weihnachten, das Bild von Erscheinungen, Wesenheiten, Naturelementen, Umständen, Konventionen – Bilder, die man mit Vergnügen und unbewußtem Wohlbehagen in sich aufnimmt und erlebt, ohne daß sie imstande wären, die Begriffe in ihrer Dinghaftigkeit und Identität vollständig zu verkörpern.« Federico Fellini / »Georges Simenon ist der wichtigste Schriftsteller unseres Jahrhunderts.« Gabriel García Márquez / »Wissen Sie, daß der beste Krimi-Autor unserer Tage ein Belgier ist? Er heißt Georges Simenon. Warum er der Beste ist? Weil er etwas von Edgar Allan Poe hat.« Dashiell Hammett / »Simenon ist einmalig, nicht nur heute, sondern zu jeder Zeit.« Henry Miller / »Simenon ist nicht nur der größte Erzähler unserer Tage. Seine Spannweite, seine Vielseitigkeit und allein schon seine Produktivität verblüffen seine Anhänger und versetzen seine Kritiker in Rage.« Patricia Highsmith / »Da lesen ihn die Hausfrauen und die experimentellen Lyriker… o ja, ich kenne Texte-Verfasser von höchster Esoterik, die, wenn sie einmal ein Buch lesen wollen, ein richtiges Buch, Simenon lesen und nichts als Simenon, jede Zeile von ihm.« Alfred Andersch.

Und die 75-bändige Gesamtausgabe der Maigrets bei Diogenes 2008 - 2009
Alles, was über Georges Simenon gesagt wird und seine Maigret-Romane in den Himmel lobt, stimmt.
»Simenon macht mit der Sprache, was Hitchcock mit den Bildern macht: ganz einfach eine Geschichte erzählen... Simenon macht süchtig. Nach zwei, drei Romanen kommt man von Simenon nicht mehr los.« (François Bondy)
Oder: »Manche kommen und fragen mich: Was soll ich denn von Simenon lesen? – Ich antworte: alles.« (André Gide)

Einst sind die weltweit populären Maigret-Krimis in Deutschland wie Groschen-Romane behandelt worden, etliche, wechselnde Verlage waren am Werk, schnell (und oft schlampig) wurde verlegt und verkauft – so wie von Simenon runtergeschrieben (Schöpfungsstandard: 7 Tage). Oft fehlte beispielsweise der erhellende Schlußhinweis Simenons mit Ort und Zeit der Niederschrift. Meistens waren es billige Taschenbücher, gebunden gab es sie nur in einigen Sonderausgaben. Von editorischer Sorgfalt, von angemessener Beschäftigung mit einem in jedem Sinne großen Werk keine Spur.
Bis Diogenes kam. 1974. Erst seitdem sich Daniel Keel mit seinem Diogenes-Verlag um Simenon kümmert, ist das besser geworden. Maigret wurde komplett veröffentlicht mit neuen Übersetzungen oder korrigierend durchgesehenen. Aber immer noch als geleimtes Taschenbuch, das Schlechteste, was es fürs Lesen gibt: Das Buch blättert sich nicht, man muss es in der Klebeschicht aufbiegen, die ständig versucht, es zu schließen, oder aber schon kaputt ist und irgendwann brechen wird (Maigrets liest man immer wieder!).
Deshalb ist mit großer Freude zu begrüßen, daß Diogenes die 75 Maigret-Romane von 2008 bis Ende 2009 neu auflegt, mit nochmals geprüften und verbesserten Übersetzungen, gebunden zwischen kräftigen und schön gestalteten Pappdeckeln und mit einem blutroten Lesebändchen. Schön auch, daß die Bände in der Schreib-Reihenfolge Simenons erscheinen. Mit einiger Forschung konnte man sich die zwar immer schon so geordnet ins Regal stellen, aber nun ist es doch einfacher und in der Nummerierung a priori richtig.
Daß aber diese schöne Edition durch einen grotesken Fauxpas beschädigt und entwertet wird, ist gar nicht zu fassen. Man hatte die gute Idee, als Vorsatzblatt eine Pariskarte zu verwenden und bei Reisen Maigrets als »Nachsatzblatt« auch eine Frankreichkarte. Aber gezeigt wird ein Paris, das Maigret nie so gesehen hat, es ist nämlich eins, in dem z.B. die »Hallen« (der Bauch von Paris) abgerissen sind und eine modernistische architektonische Mißgeburt (Forum des Halles) an der Stelle Paris verschandelt. Also, das war nicht nur eine stadtplanerische Vollidiotie (verursacht vom General de Gaulle), das ist auch ein verlegerischer Schwachsinn, den man überhaupt nicht begreifen kann. Derselbe Fehler übrigens mit der Frankreichkarte, auf der die neuen Autobahnen hervorstechen, die keine Reisewege von Maigret sein konnten. Maigret ist nach Angaben Simenons 1887 geboren, und hatte nachweislich seinen ersten Fall 1913!
Wir haben jetzt also an die 5 Editionsphasen mit Maigret erlebt (und bezahlt). Die jetzige ist die beste und trotzdem mangelhaft. Da hat der geschäftstüchtige Daniel Keel von Diogenes vielleicht die nächste (ultimative) Neuausgabe vorbereitet? »Alle Maigrets: Neu – jetzt mit zeitgenössischen Karten.« Ob wir das noch erleben können?

Gerd Koenen: »Utopie der Säuberung« Hier kommen auch andere genozidige Schweinehunde als die üblichen längst überführten, nämlich die z.B. Stalins Stiefel leckenden Kommunisten, zu ihrem UnRecht. Der vorzügliche, unbeirrte Koenen in seinem Vorwort - nur scheinbar milder als ich:
»Viel zu sehr haben (...) Gegner wie die Sympathisanten des "real existierenden Sozialismus" sich die Selbstzuschreibungen der Kommunisten zu eigen gemacht. Das alles ist jetzt neu zu bewerten. (...) War das Unternehmen progressiv oder nicht im Kern regressiv? War es modern oder eher antimodern - oder beides: modern-antimodern? Ging es um Egalitarismus oder um Elitismus? Um Internationalismus oder einen neuartigen Inter=Nationalismus? (...) die politischen Grabenkämpfe der Zeiten des Kalten Krieges oder der Entspannungsperiode sind vorbei. Sie haben uns alle idiotisiert. Jetzt geht es endlich um die Sache selbst. Alle Kritiken und Polemiken dieses Buches dienen daher in erster Linie der Verdeutlichung der eigenen Interpretation, und nicht dazu, eine gegnerische Position zu demontieren und zu bekämpfen
Tut er aber doch, weil es sich zwangsläufig so ergibt.

Gerhard Schoenberner: »Der gelbe Stern« Jahre bevor es den gräßlichen, weil bequem-abstrakten & hollywood-fernsehseriellen Begriff »Holocaust« gab, zeigte dieses Buch in nie gesehenen Bildern, wie sich mitten im 20. Jahrhundert, mitten in Europa die Hölle öffnete. Wurde von meinem ersten gymnasialen und denkmalwürdigen Deutschlehrer Dr. Rehbein den ratsuchenden fragenden Eltern als Weihnachtsgeschenk für ihre zwölfjährigen Jungs empfohlen; die meisten waren schockiert. Das Buch ist vor langer Zeit veröffentlicht worden, immer noch wichtigst und immer noch erhältlich. Der Verlag dazu:

 „Der gelbe Stern“ ist 1960 als eines der ersten Bücher über die Judenverfolgung und –vernichtung veröffentlicht und von der internationalen Kritik einhellig als hervorragende Dokumentation gelobt worden. Es gilt als Klassiker der zeitgeschichtlichen Literatur. „Der gelbe Stern“ zeigt den Leidensweg von Millionen Menschen in seinen einzelnen Stationen – von der Haßpropaganda über Registrierung, Entrechtung, Beraubung und Deportation bis hin zum organisierten Massenmord. Dieses Buch hat zahlreiche Neuauflagen erlebt, ist in vielen Sprachen erschienen und zu einem Standardwerk von bleibender historischer Bedeutung geworden.

Giovanni Guareschi: »Don Camillo und Peppone« Hier erfährt man - augenzwinkernd, aber durchaus nicht unernst - alles Wichtige über den Kalten Krieg des 20. Jahrhunderts – großartig, vor allem die ersten, die frühen Geschichten. Auch herrlich witzige, anrührende Verfilmungen mit Fernandel und Gino Cervi, liebevoll synchronisiert – wie ja überhaupt das deutsche Synchronhandwerk meist ansprechendste Arbeit abliefert und einem hierzulande die das Bild zer-störende gar schreckliche Untertitelei erspart.

Goethe: »Gedichte« ... da ist er doch — nehmt alles nur in allem — am allerbesten, oder etwa nicht?

Plakat von Litfaßliteratur, Düsseldorf, 1990, Typographie Niklas Stiller. Nur noch antiquarisch erhältlich.Zu einem der unfaßbar schönsten, bewegendsten Goethe-Gedichte, zu »Wandrers Nachtlied«, gibt es eine bewegende schöne Geschichte, wie sie uns die mit Goethe verbundene Stadt Ilmenau schildert:
»Bei einem seiner insgesamt 28 Aufenthalte in Ilmenau übernachtete Goethe, nach einer Wanderung durch die Ilmenauer Berge (am 6. September 1780 - H.M.), allein in der kleinen Schutzhütte auf dem Gipfel des Kickelhahns. Fasziniert vom anbrechenden Abend und der absoluten Stille schrieb er mit einem Stift an die Holzplanken der Hütte:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
 
Jahre später, am 27. August 1831 ist Goethe wieder in Ilmenau. Es ist der Vorabend seines 82. Geburtstages. Ihm wird ein besonderer Wunsch erfüllt, als er mit dem Berginspektor Mahr auf den Kickelhahn fährt. Jede Hilfe abwehrend erklimmt er die steilen Stufen zum Obergeschoss der Schutzhütte und sucht das kleine Gedicht. Johann Christian Mahr schilderte die Szene wie folgt:
»Goethe überlas diese wenigen Verse, und Tränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Tränen und sprach in einem sanften, wehmütigen Ton: 'Ja, warte nur, bald ruhest du auch!' , schwieg eine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den düstern Fichtenwald und wendete sich darauf zu mir, mit den Worten: "Nun wollen wir wieder gehen!".« Welch Großer – auch noch in den Umständen!

Günter Grass: »Die Blechtrommel« Berühmt, Nobelpreis etc. und trotzdem wirklich richtig gut – viel mehr konnte Grass dann aber leider nicht mehr bringen. Warum auch? Das wunderbare Buch reicht dicke für ein Leben! Und für einen Nobelpreis, den Grass (dito finanziell) gar nicht nötig hatte. Nach Verleihung an die untermittelmäßige Frau Jelinek und in Kenntnis anderer gekungelter Quoten- & Peinlichentscheidungen des alles in allem mediokren schwedischen Komitees trifft einen diese Auszeichnung ja eher wie eine Verdammung. Über Literatur und ihren Wert sagt sie jedenfalls: Nichts! Da könnte man fast mit dem groben Werbespruch des Media-Marktes 2004 sagen: "Laßt euch nicht verarschen – vor allen Dingen nicht beim Nobelpreis!"
Doch zurück zum guten Günter Grass:der hatte sich mit seinem Geniestreich ausgetrommelt. Verkrampfte Fortsetzungsversuche, die man sich sparen kann.

Gustav Schwab: »Sagen des Klassischen Altertums« Klassiker der Klassiker! In Zeiten von bildungstechnoidem "Pisa"-Wahn beschränkter Sozialingenieure auch ein notwendiger Grundkurs zum Verständnis von Kultur, Literatur usw. des Abendlandes. Fortgeschrittene sollten sich dann getrost an Homer und andere große Griechen herantrauen. An Römer auch. Lesen Sie dazu auch bitte weiter oben die ausschweifenden Anmerkungen bei  »Die Erzählungen aus den Tausendundein Nächten«.

Hal Foster: »Prinz Eisenherz«: Eines der ganz großen eisernen Ritterepen, wunderbar schmökerhaft und außerdem noch ein Comic der Sonderklasse, meisterhaft gezeichnet – zwischen 1937 und 1971. Ich erinnere mich mit Schaudern, daß einst deutsche Lehrer dies für US-Schund erklärten, auch deshalb, weil Bildergeschichten per se keine wertvolle Literatur sein könnten. Was für ein irriger Blödsinn, zu dem man viel sagen könnte (tue ich vielleicht hier auch noch, wenn es die Zeit einmal erlaubt). 
Jetzt, im Jahre 2007, weise ich endlich & erfreut & empfehlend auf »Prinz Eisenherz« hin, weil er in einer deutschen Ausgabe erscheint, die sich sehen lassen kann, die Tat eines kleinen Bonner Verlags namens BOCOLA. Bisher hatte der tapfere Prinz Eisenherz in Deutschland nicht viel Glück. Die frühen Heftchen-Ausgaben waren schlampig ediert, grauenhaft in Farben und Druckqualität. Einmal machte sich jemand daran, die Original-Comic-Seiten der US-Zeitungen im Original-Riesenformat zur Grundlage seiner Edition zu machen, was ein grandioses Vorhaben war, aber dann leider nicht zu Ende geführt wurde, eine Katastrophe für Sammler und wahre Fans. Jetzt also startet ein neuer Versuch mit demselben richtigen Ansatz, zwar etwas kleiner als das Originalformat, aber immerhin mit peniblem Qualitätsbewusstsein. Verleger Achim Dressler schreibt: "Erstmals erscheint dieser weltbekannte Klassiker der Comic-Literatur in einer vollständigen, dem amerikanischen Original möglichst nahe kommenden Buch-Version. Die prächtigen Farben, die der geniale Zeichner und Erzähler Harold R. Foster für seine Geschichten ausgewählt hat, werden für viele Leser erstmals 'sichtbar'. Aufwendig digital restaurierte Original-Sonntagsseiten offenbaren Ihnen einen einmaligen Einblick in die Detailfülle der Welt des Prinzen aus Thule. Erleben Sie eine der größten modernen Sagen mit neuen Augen!" Ja, in der Tat, der Druck ist das Beste, was man bisher von Foster zu sehen bekommen hat, das Lettering sehr schön und sorgfältig, und die Übersetzung stammt von Wolfgang J. Fuchs, der sich auch rund um die Ducks schon einen Namen gemacht hat, aber mit Erika Fuchs wohl weder verwandt noch verschwägert ist und mit ihr auch keine Gänse gestohlen hat. Nicht nur Donaldisten schätzen seine detailliert kenntnisreichen historischen Anmerkungen und editorischen Notizen in der Carl-Barks-Bibliothek von Ehapa.

Vorher, nachherWie gut, daß man heute digital restaurieren kann und so über die Zeitungsdrucke hinaus wieder zum Original kommt, ihm jedenfalls ganz nahe kommt.
Beim Vergleichen der Neu-ausgabe mit früheren Drucken erkennt man, daß  BOCOLA keine automatisierte Ver-besserung einsetzt, sondern Hand anlegt; so werden zum Beispiel über Konturen hinaus schmierende Farben entfernt. Und am nebenstehenden Bild kann man sehr gut erkennen, wie (auf vielen!) Originalseiten auch die Farben der Rückseite deutlich durch das Papier hindurch-scheinen und wie verblüffend gut sie für die resaturierte Version entfernt wurden. Bravo!
Jetzt wollen wir nur dringend hoffen, daß der sympathische und engagierte Verlag sein Projekt auch bis zum Ende schafft. Man kann dabei helfen: Kaufen, verschenken Sie diese »Prinz Eisenherz«-Ausgabe. Zu Ihren Lebzeiten wird es unter Garantie keine bessere geben.

»Handbuch der Historischen Stätten Deutschlands« Welch köstliche Bücher! Kenntnisreich und akribisch wird die Geschichte auch noch kleinster Ortschaften, wichtiger Gebäude, von Denkmälern et cetera verzeichnet. Eine Fundgrube, wahrlich, handlich gebundene (!) Bücher  zum schnellen Nachschlagen oder zum spannenden zeitmaschinellen Stöbern.

Die Reihe selber ist schon ein schönes gutes Stück Geschichte: Seit Jahrzehnten pflegt der formidable Alfred-Kröner-Verlag das immer wieder ergänzte und in zahlreichen Neuauflagen fortgeschriebene Werk. Der Verlag zu seinem nicht hoch genug zu lobenden einzigartigen Projekt:

Das "Handbuch der historischen Stätten" beschreibt in alphabetisch angeordneten Artikeln die Geschichte von Städten, Marktflecken, Burgen, Adelssitzen, Klöstern und anderen Orten, an denen sich historische Entwicklungen verdichtet haben oder die für bestimmte historische Erscheinungen einer Region repräsentativ sind. Die Bände des Handbuchs erschließen jeweils die historischen Stätten einzelner deutscher und an Deutschland angrenzender Länder. Der alphabetische Teil wird jeweils ergänzt durch eine im Überblick orientierende landesgeschichtliche Einführung und einen Anhang mit Stammtafeln, Bischofslisten, Literaturverzeichnis, Glossar, Personenregister und Gebietskarten. Als umfassendes Nachschlagewerk zur Lokal- und Landesgeschichte von den vorgeschichtlichen Anfängen bis zur Gegenwart empfiehlt sich das Handbuch gleichermaßen für den Fachhistoriker, den Heimatforscher und den historisch interessierten Reisenden.

»Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler« ... begründet 1905-12 von dem Kunsthistoriker Georg Dehio. Zusammen mit dem "Handbuch der Historischen Stätten" ist "der Dehio" eins der Schlüsselwerke zum Erkunden und Verstehen des Landes und seiner Geschichte. Wie der Verlag zutreffend bemerkt »das renommierteste und traditionsreichste Werk der Kunsttopographie in Deutschland.« Weiter aus den gänzlich unwerblichen Anmerkungen des Verlages:

Sein Begründer Georg Dehio hatte es in der ersten Ausgabe von 1905-12 als übersichtliches Nachschlagewerk und Reisehandbuch für Fachleute und Laien vorgestellt. Seither dient es in seinen fortlaufend aktualisierten Neuauflagen der unverzichtbaren Basisinformation für Denkmalpfleger, Kunstwissenschaftler und Bauhistoriker, desgleichen für zahllose Reiseführer und interessierte Laien, die nicht nur etwas über die allseits bekannten, sondern auch über die von anderen Kunstführern meist übergangenen Baudenkmale einer Region erfahren möchten.
Das Handbuch ist vergleichbar mit dem "Guide bleu" in Frankreich und hat als Folgeprojekte "Die Kunstdenkmäler Österreichs" sowie die "Buildings of England, Scottland and Wales" und, daraus hervorgegangen, die "Buildings of the United States" initiiert.

Hans Habe: »Der Tod in Texas« – also über die Ermordung von John F. Kennedy. Habe ist der von einer dämlichen Linken (Vorfahren der rotgrünen Regierung 1998-2005) in den 60er Jahren verfemte blitzgescheite Publizist, dem man heute eigentlich nur noch in der Anpreisung eines Duftwassers (»Knize Ten«) im auch literarisch empfehlenswerten »Manufactum«-Katalog begegnet. Und zwar wörtlich so: »Hans Habe meinte, wenn ihm das Schicksal der einsamen Insel drohte, dann nähme er auch Knize mit, denn es komme einem Mann bei der Benutzung eines Duftwassers am Ende ja überhaupt nicht darauf an, die Moral einer schönen Frau zu erschüttern, sondern darauf, die eigene zu stärken.« Ja, Hans Habe war nicht nur schlauer als 68er, er hat bestimmt auch besser geduftet als die meisten. Ich hatte damit kein Problem, war Aramis-Pionier – wegen Estée Lauder, nicht wegen Alexandre Dumas.

Hans Magnus Enzensberger: »Einzelheiten« (I und II) und die ersten »Gedichte«. Kluger Kerl, der Enzensberger! Lese auch seine aktuellen Einwürfe in die gesellschaftlichen Debatten eigentlich immer mit großer Zustimmung, jedenfalls stets mit allergrößtem Vergnügen; mit ihm kann man sich von Sloeterdijk erholen und Ulrich Beck völlig vergessen.

Hans-Ulrich Thamer: »Verführung und Gewalt« Das Buch übers Dritte Reich, das man wirklich gelesen haben muß. Es öffnet allen guten Willens und vernünftigen Verstands die Augen, vor allem hoffentlich auch denen rechts und links, die glauben, Hitler hätte doch die Autobahnen gebaut (rechts) und man wüßte schon warum (links). Wer dieses Buch nicht gelesen hat, der weiß überhaupt nicht, warum und wie gefährlich der Hitler-Nazismus wirklich war.

Heinrich Böll: »Dr. Murkes gesammeltes Schweigen« Darin gefällt mir natürlich besonders der auch höchst symbolische »Paternoster«, den es im Kölner Funkhaus immer noch gibt. Überhaupt mag ich die Satiren (auch z.B. »Nicht nur zur Weihnachtszeit«) und den ganz frühen Nachkriegs-Böll. Was er später so geschrieben hat, finde ich nicht nobelpreiswürdig. Aber was heißt das schon! Böll war ein großartiger und sehr beeindruckender Mensch. Außerdem: ich bin nie wieder jemandem begegnet, der derart kettegeraucht hat, mich eingeschlossen. Unglaublich, zündete eine an der anderen an. Daran ist er ja auch, raucherbeinmäßig amputiert, gestorben.

Heinrich Spoerl: »Der Maulkorb« Spielt unverkennbar in der Heimatstadt Düsseldorf - und mit rheinischer Anarchie, »Die Feuerzangenbowle« (immer noch total komisch – als Film und als Buch).

Heinrich von Kleist: »Der zerbrochene Krug« und »Michael Kohlhaas«
Die Sprache! Die Sprache! Im »Kohlhaas« ist sie so unerbittlich auf das Ende zutreibend, daß einen die Wucht auch im Lesesessel atemlos machen kann. »Der zerbrochene Krug« ist eine amüsant-ernste Studie über die Selbstgerechtigkeit und Doppelmoral Mächtiger. Dorfrichter Adam kann also auch ein Hermann-Josef Arentz sein, der in eitelster Manier den SozialGerechten spielt und sich, wiewohl Abgeordneter des Volkes, von RWE für nichts und wieder nichts mit 60.000 € und kostenlosem Strom versorgen läßt...
Von Kleist auch mein Lieblingszitat: »Da ging ich, in mich gekehrt, durch das gewölbte Tor, sinnend zurück in die Stadt. Warum, dachte ich, sinkt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat? Es steht, antwortete ich, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen.«

Dies ist die englische Ausgabe.Heinz Götze: »Castel del Monte« Es gibt ganz bestimmt kein schöneres Schloß, keine faszinierendere Burg als dieses unglaubliche Bauwerk des Staufers Friedrich II. –  und kein kundigeres deutsches Buch darüber.

Waschzettel des Verlags: "Tief im Süden Italiens steht Castel del Monte, die schönste und faszinierendste Burg des Mittelalters. Sie nimmt eine Ausnahmestellung in der Geschichte der europäischen Architektur ein. Gegenstand des Buches ist die Rückführung des in der europäischen Kunst- und Architekturgeschichte singulären Grundrisses auf geometrische Konstruktionsprinzipien.
Aufgezeigt werden die kulturell verbindenden Kräfte des Mittelmeerraumes und die Einflüsse der hochstehenden arabischen Geometrie jener Zeit. Das Buch ist eine kunstwissenschaftliche, architektur- und wissenschaftsgeschichtliche Monographie ersten Ranges."

Bei Taschen erschienen. Das ist der Verlag mit außergewöhnlichem visuellen Programm und erstaunlichen internationalen Projekten. Auf die interessante Homepage kommen Sie von hier mit einem Klick aufs Buch.Helmut Newton: »Work« Guter und sehr preiswerter Querschnitt durch das Werk des großen postmodernen Fotografen. Ein Bildner von enormstem Einfluß. Newton hat die Blicke zwischen den Geschlechtern nicht nur in ihrer Veränderung erkannt, er selbst hat sie verändert. Daß auch er bloß die Frauen auf eine neue sadomasochistisch ästhetisierte Manier männlichen Voyeuren als Vorlage hingeworfen hätte, ist ein strammer frigider Blödsinn, verzapft von der weltfremd verbohrten Frauen-Fraktion, der es auch beliebte, schon dreijährige Knaben als "Jungficker" zu bezeichnen. (Emma-Mutter Alice Schwarzer ist mittlerweile sichtlich darüber hinaus, was erfreulich ist.) Bei Newton treten Frauen auf, die nicht stark sein wollen, indem sie unsinnig versuchen, wie Männer zu sein ("ihren Mann stehen") oder die sich stärker fühlen, weil sie Männer feindselig aktiv verachten, herabwürdigen oder zu eunuchisieren versuchen (teetrinken, sensibel sein, bloß nicht penetrieren), nein, Newtons Frauen sind die starken Mütter einer neuen Generation von Frauen, die wissen, daß Männer und Frauen je eigenartig sind, mit ihrem je eigenen Recht und zusammen: die Menschen – zwischen denen erotische Spannung ist und die Möglichkeit der Lust, aber auch der Distanz, sogar beides gleichzeitig. Newtons Frauen und ihre Töchter wissen erfreut, daß sie Frauen sind, können dies zeigen und im gesellschaftlichen Spiel ohne verknautschte ideologische und sonstige lustfeindliche Hemmung einsetzen: Ich Jane - du Tarzan. Man schaue sich nur Musikvideos des jungen 21. Jahrhunderts an.

Doppelseite aus Helmut Newtons "Work".Pressestimmen aus der Sammlung des Taschen-Verlags: »Des femmes nues aux seins lourds, perchées sur des talons aiguilles, des femmes nues sous des visons, d’autres portant des bas, jupe fendue, fumant le cigare, maîtresses d’elles-mêmes comme de leur désir, et tellement libres devant l’objectif d’Helmut Newton. Le travail du photographe, décédé le 23 janvier dernier à Hollywood, est remarquablement rendu dans cet ouvrage. Pas un cliché qui ne dégage quelque chose de sauvage, comme une décharge sexuelle.« – Voici, Paris, France / »Das Buch Work bietet auf 280 Seiten einen Überblick über die provokative und bahnbrechende Fotografie des Helmut Newton, die ein ganzes Genre inspiriert hat«. – Stern.de, Hamburg, Germany / »A luxury edition of this major photographer's very best material. A surreal interplay of fantasy, glamour, chic fashion, sex, and dark eroticism, shot in the most opulent locations.« – desire, London, United Kingdom / »For those of you who like Helmut Newton but were reluctant to shell out half your paycheck for his 'SUMO,' there's "Work". In it you'll get the same big nudes, the same celebrity faces caught in revealing poses and the same unsettling fashion shots... Pound for pound, it's a big bargain.« – Playboy, United States

Henry Miller: »Lesebuch« Gab's als »Paperback« bei Rowohlt; schöne Sachen drin: Miller sollte man bestimmt kennen und gelesen haben, aber diese praktikable Auswahl reicht dann auch fürs erste. Es ist ein munterer Blick auf die Bohème Mitte des 20. Jahrhunderts, die den Nachkriegsjahren den richtigen Drive in die Moderne verpaßte. War in vielem fortschrittlicher als das, was sich heute für Avantgarde hält. Und Miller war ein Wegbereiter für neue Töne in der Literatur, die es dann ab den 60er Jahren massenhaft bzw. geradezu rudelbumsig gab (Jong, Bukowski usw.). Warum Miller aber einst so aufregend skandalös sensationell war, das kann man heute kaum noch verstehen; es war die Zeit, als in der Bundesrepublik noch schwarze Balken statt eines weißen Busens gedruckt wurden und der Gebrauch eines Wortes wie »vögeln« unweigerlich zum Rausschmiß aus der Schule führte und bei höheren Semestern zu gesellschaftlicher Ächtung – jedenfalls offiziell, hinter den Kulissen ging's so hoch und tief her wie zu allen Zeiten. Im Bonn der Adenauerzeit, als Henry Miller das Publikum erregte, war die Munkelei berühmt, nach der ein stockkonservativer Werte beschwörender Familienminister eine Sekretärin auf dem amtlichen Schreibtisch pflegte zu v... – ja, genau.

Hermann Bote: »Till Eulenspiegel« Sprichwörtlich! "Eulenspiegeleien"! Berühmte Schwänke und Streiche, in Braunschweig gesammelt und schon 1510 als Buch erschienen. Nicht zu überschätzende deutsche literarische Wurzel für Surrealismus, DADA, Absurdes Theater. Lustig und lustvoll.

Hermann Harry Schmitz: »Der Säugling und andere Katastrophen« Das Absurde ahnen lernen in urkomischen expressionistisch-dadaistischen Kurzgeschichten – richtig kam’s ja dann in der Realität mit WK1, Hitler, Goebbels, Stalin, KZ, WK2, Chrustschow, Ulbricht und Konsorten u.v.a.m. Schmitz wußte, was kommt. Er hat sich 1913 erschossen.

Hugh Johnson: »Der Große Weinatlas« Schöne Reisen zu schönen Bouteillen – mit dem Finger auf der Landkarte.

Ian MacDonald: »The Beatles – Das Song-Lexikon« Kenntnisreiche spannende Analysen jedes einzelnen Beatles-Songs: Musik, Text, Hintergründe, Produktion – toll. Eins der schönsten und nützlichsten Bücher, wenn man die Beatles für Jahrhundert-Genies hält, so wie ich das tue. Da ist man ja auch nicht allein. Zurück zum Buch: In der  »Zeit« hatte Konrad Heidkamp gemeint, dies sei das"wohl intelligenteste und grundlegendste Werk zum Phänomen". Und der Klappentext führt aus:

 In welchem Beatles-Song blubbert John Lennon in einem vollen Eimer Wasser und wo tropft Pudding aus dem Auge eines toten Hundes? Das "Song-Lexikon", das der Liedautor und Plattenproduzent Ian MacDonald geschrieben hat, bleibt keine Antworten schuldig. Zu jedem der 241 Lieder der vier Beatles aus Liverpool hat er recherchiert und kann so kompetente Auskunft geben über die Entstehungszeit, die oft chaotische Produktionsphase und über die technischen Bedingungen im Studio. Was das Buch darüberhinaus als Zeitdokument interessant macht, sind die immer wieder eingestreuten Hinweise auf die zeitgeschichtlichen Umstände. Am Schluss werden alle Daten der Beatles und ihrer Zeit in einer fast 100-seitigen Chonologie der sechziger Jahre zusammengefasst.

James D. Watson: »Die Doppelhelix« Das ist das Buch über die wichtigste und folgenreichste Entdeckung der Menschheit überhaupt, nämlich wie sich das Leben produziert und reproduziert. James Watson, der Autor, und sein Forschungspartner Francis Crick entschlüsselten die Struktur der DNA (Desoxyribonucleic Acid, deutsch auch DNS für Desoxyribonukleinsäure). Nach heftiger Forschungsarbeit veröffentlichten die beiden 1953 ihr Doppelhelix-Modell des Desoxyribonukleinsäure-Moleküls, der Erbsubstanz allen irdischen Lebens. In diesem Buch eines der Entdecker wird nicht nur das epochale Entdeckte gut verständlich beschrieben, Watson schildert auch den wissenschaftlichen Prozeß, mit allem menschlichem Drunter und Drüber.

Das Buch ist also in jedem Sinne einer der großen Klassiker der Wissenschaftsgeschichte – wie auch Bertrand Russells »Das ABC der Relativitätstheorie« oder Steven Weinbergs »Die ersten drei Minuten«. Watsons Werk erschien 1968, beschreibt Forschung von 1951–1953, aber es kann natürlich niemals veralten – das hat einer geschrieben, der dabei war, als Geschichte für die Ewigkeit gemacht wurde. Doch geht bekanntlich die Entwicklung in der Sache weiter, und dies immer schneller. Heute ist der DNA-Test so selbstverständlich wie der gute alte Fingerabdruck, reihenweise werden die Genome der Lebewesen entschlüsselt, kartiert, analysiert; es hat also enorme Fortschritte gegeben und es gibt sie weiter. Dazu gehört auch die Diskussion über die ethischen Probleme, wenn der Mensch in den Bauplan des Menschen eingreifen kann, wenn die Individuen als biochemische Konstrukte erfaßt und durchleuchtet und vielleicht sogar hergestellt werden können. Es gibt eine Menge Literatur, die den Fortschritt seit Crick & Watson schildert und die verstörenden ethischen Fragen mitbedenkt; empfehlen möchte ich »Die Maus, die Fliege und der Mensch« von Francois Jacob. Aber das ist, wie bei »Effie Briest«, ein weites Feld.

Jan Graf Potocki: »Die Handschrift von Saragossa« Was für ein Schmöker! Mittlerweile gibt es eine erstklassige Haffmans-Ausgabe bei »2001«. Der verdienstvolle Versender läßt das Buch hochleben, ohne jede Übertreibung: »Der Abenteuer- und Schelmenroman von Jan Graf Potocki (sprich: Pototzki) gilt unter Bibliophilen als "die blaue Mauritius der Literaturhistorie" (FAZ), als das Tausendundeine Nacht des Abendlandes, als das Dekamerone der Aufklärung. / Für die Washington Post "die schiere Magie", für die New York Times "eines der großen Meisterwerke der europäischen Literatur", für die Neue Zürcher "der totale Roman ... ein monströses Werk, das in der neueren europäischen Literatur keinen Vergleich kennt". / Die Basler Zeitung gab nach der Lektüre jede Zurückhaltung auf: "So viel wert, wie eine gute Tonne Literatur." "Wer Unterhaltung, Zeitvertreib sucht, gern sich gruseln machen lässt, kommt bei dem Spaß, dem Jux und Ulk, den Grotesken und den mit Sexualität durchtränkten Histörchen, den Glanznummern des schwarzen Humors ebenso auf seine Kosten wie ein anderer, der geistigen Genuss braucht" (Der Tagesspiegel).«

Jaroslav Hasek: »Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk« ... zu recht unsterblich berühmt. Urkomisch. Schlau. Zum Autoritäten totlachen!

Die Patmos-AusgabeJoseph von Eichendorff: »Aus dem Leben eines Taugenichts« Diese romantischste Novelle der deutschen Romantik singt uns vor, daß Deutschsein nicht Schwermütigsein bedeuten muß - wenn eine schöne Prise Italien dazukommt. Aber darüber beginnt dann der Deutsche natürlich wieder das Grübeln. Übrigens: Titelvergleich mit Arno Schmidt! Siehe oben.

Joseph Wechsberg: »Forelle blau und schwarze Trüffeln« Originalausgabe 1953; mehrfach wiederaufgelegt. Aus »Elsa Maxwells Klatschkolumne, TRANSATLANTIK Nr. 2/2001: »Wer sich im Zeitalter von »Fertigschmeck«  (Polt) und BSE einen Begriff davon machen möchte, welche Gaumen- und Sinnesfreuden verloren zu gehen drohen, der lese in Joseph Wechsbergs wunderbarem Buch »Forelle blau und schwarze Trüffeln« (Hugendubel, 1994) das Kapitel »Tafelspitz für den Hofrat«, eine Hymne auf ein leider verschwundenes Wiener Restaurant. »Gewöhnliche Prosa wäre unzureichend, die Wonne auszudrücken, die ein Stück gekochtes Rindfleisch bei Meissl & Schadn vermittelt.«
Und Wechsberg verrät auch warum: »Das Restaurant besaß eigene Viehherden, die an einem Ort nördlich von Wien gehalten wurden ... Dort wurden die Ochsen mit Melasse und Zuckerrübenbrei gefüttert, die ihrem Fleisch die marmorne Faserung, den köstlichen Geschmack und die volle Zartheit und Saftigkeit verliehen.« Da läuft unsereinem das Wasser im Mund zusammen. Bleibt zu hoffen, daß wir wieder einen Zustand erreichen, in dem nicht nur Herr Schröder unbedenklich in seine Currywurst beißen kann, sondern auch der weise Epikureer von Tafelspitz und anderen Herrlichkeiten nicht mehr nur träumen muss


Junichiro Tanizaki: »Lob des Schattens« www.kulturzukunft.de schreibt dazu: »Der japanische Schriftsteller Junichiro Tanizaki (1886 bis 1965) veröffentlicht 1933 ein kleines Büchlein, in dem er die Herkunft der japanischen Ästhetik reflektiert. Ausgehend von der Beobachtung, dass es ohne Schattenwirkung keine Schönheit gibt, gelingt ihm die sinnliche Beschreibung dieses so hoch feinfühligen japanischen Lebensgefühls. Er schärft damit den Sinn für die Unterschiede östlicher und westlicher Kultur im Umgang mit Licht und Farbe.« Das heißt: Wer Sushi verstehen will, muß Tanizaki lesen.

Karl Kraus: »Sittlichkeit und Kriminalität« Augenöffner. Zeigt, daß Richter und Verbrecher oft die Plätze tauschen könnten.

Karl-Heinz Deschner: »Und abermals krähte der Hahn« ist zwar ob seiner anti-katholisch-papistischen Verbissenheit auch nicht der astreinste Aufklärer, aber man lernt Skepsis, ohne die es Aufklärung nicht gibt – und erfährt viel Verblüffendes.

Lafontaine: »Die Fabeln« Der Rabe und der Fuchs: Ein Rabe saß auf einem Baum und hielt im Schnabel einen Käse; den wollte er verzehren. Da kam ein Fuchs daher, der vom Geruch des Käses angelockt war.
»Ah, guten Tag, Herr von Rabe!« rief der Fuchs. »Wie wunderbar Sie aussehen! Wenn Ihr Gesang ebenso schön ist wie Ihr Gefieder, dann sind Sie der Schönste von allen hier im Walde!«
Das schmeichelte dem Raben, und das Herz schlug ihm vor Freude höher. Um nun auch seine schöne Stimme zu zeigen, machte er den Schnabel weit auf - da fiel der Käse hinunter.
Der Fuchs schnappte ihn auf und sagte:
»Mein guter Mann, nun haben Sie es selbst erfahren: ein Schmeichler lebt auf Kosten dessen, der ihn anhört - diese Lehre ist mit einem Käse wohl nicht zu teuer bezahlt.«
Der Rabe, bestürzt und beschämt, schwur sich zu, daß man ihn so nicht wieder anführen sollte - aber es war ein bißchen zu spät.

Laurence Sterne: »Tristram Shandy« - genauer:
»The Life & Opinions of Tristram Shandy Gentleman« (der modernste Roman aller Zeiten! Erschienen in London, 1759-1766.
Gehört absolut in die short list jeder Bibliothek. Sterne weist weitweitweit in unsere Zeit, faßt Jahrhunderte zusammen, hat dadaistische Momente, spielt absurdes Theater, macht PopArt – klug, frivol, witzig, ganz einzigeigenartig.

Sterne sollen wir auch ein wirklich schönes deutsches Wort verdanken: »empfindsam«. Denn ein anderes ungemein erfolgreiches Buch von ihm mußte Mitte des 18. Jahrhunderts ins Deutsche übertragen werden: die »Sentimental Journey« (der Titel ist auch ein berühmter Swing-Song für die sehnsuchtsschweren Blauen Stunden geworden!). Das Wort »Sentimental« soll eine Neuschöpfung von Sterne gewesen sein. Lessing – ja, genau: der Lessing – hat dem Übersetzer Johann Joachim Bode 1768 dafür das Wörtchen »Empfindsam« vorgeschlagen, auch neu erfunden, von ihm selbst. Das Wort soll es vordem tatsächlich nicht gegeben haben. Habe ich jedenfalls vor langer Zeit einmal gelesen/gehört, konnte das in schneller Web-Schau jetzt nicht hammerhart verifizieren, bin also für klare Hinweise Kundiger dankbar. Wie auch immer – empfindsam, das ist doch ein wirklich schönes deutsches Wort, anders als das 2004 von einer schimmerlosen - auch schön! - Jury gekürte »Habseligkeiten«, welches mit Seligkeit aber nun auch rein gar nichts zu tun hat. Leserbriefe in der F.A.Z. und die Redaktion des Klassikwörterbuchs am Deutschen Seminar der Universität Freiburg haben mitgeteilt: Lexikalisch wie auch wortgeschichtlich seien die »Habseligkeiten« keine »Hab-seligkeiten«, sondern »Habsel-igkeiten«. »Habsel« bezeichne die Gesamtheit dessen, was einer habe –  und gehöre in eine Reihe mit »Füllsel« und »Geschreibsel«. Die Begründung fürs »schönste Wort« mit »Haben« und »selig« sei zwar schön und kreativ, habe aber mit der Wortgeschichte nichts zu tun – ist also irgendwie armselig – siehe auch: Wikipedia.

Zurück zu Sterne. Welches ist die beste deutsche Ausgabe? Die von Haffmans, die es nicht mehr gibt; die kam in 9 schmucken geschuberten Bändchen, wie einst das Original, versehen mit Anmerkungen, die dem heutigen Leser den Schatz erschließen, so weit das nötig und überhaupt nur möglich ist. So hat das Haffmans weiland übrigens auch mit dem neu übersetzten »Sherlock Holmes« gemacht und mit Rudyard Kipling, die ich damit zum ersten Mal deutsch lesbar fand und überhaupt erst würdig ihres außerordentlichen Ruhms auch hierzulande. »2001« hat den vorzüglichen Haffmans-Sterne übernommen und in einem einzigen dicken Band herausgebracht, der allerdings derzeit auch nicht lieferbar zu sein scheint. Aber dafür gibt's ja das Antiquariat im Web, wo man inzwischen so gut wie alles findet, und flott überdies.

Zuguterletzt: Wenn meine Empfehlung nicht genügt, wie steht es mit dem Urteil des Meisters Johann Wolfgang von Goethe? »Sterne war der schönste Geist, der je gewirkt hat; wer ihn liest, fühlt sich sogleich frei und schön; sein Humor ist unnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele.«

Ludwig Ganghofer: »Der Mann im Salz« Die Berge! Als Topos der deutsche Wilde Westen, statt Cowboy der Wilderer – wie der große gute Freund Joachim Hammann träumerisch immer sagte. Der hat dann real auch das Ganghofer-Drehbuch geschrieben!

Ludwig Hohl: »Bergfahrt« Da spürt man jedes Wort als Schritt, die Interpunktion als Atemzug.

Mallory: »König Arthus« Mutter aller Arthus-Geschichten!

Manfred Schmidt:»Nick Knatterton«
Comic-Geschichten der jungen 50er Jahre der Bundesrepublik. Waren als Parodie gedacht, sind aber zu ganz eigenständigen, höchst intelligent-witzigen Bildergeschichten geworden, mit Zeichentricks spielend, kabarettesk die Adenauer-Zeit verhohnepipelnd.
Kellner zu Knatterton im Italienurlaub: »Haben Sie gewählt?«
Knatterton: »Ja, aber es hat nichts genutzt.« Adenauer war kurz zuvor wiedergewählt worden.
Die Comics sind klasse, selbst wenn man nicht mehr alle versteckten Bezüge verstehen sollte. Zum Beispiel geht die Fahrt über die "Konrads-Brücke". Hinweis im Comic-Strip: »Heißt so, weil sie sich in großem Bogen über alles hinwegsetzt.«

Abbildung aus "Der Schuß in den künstlichen Hinterkopf " - © 1983 Lappan VerlagAuf www.cos-mig.de finden wir: »"Er ist der Beschützer der Verfolgten, Schrecken der Unterwelt, Sports- und Ehrenmann, Held ungezählter Abenteuer. Er besitzt zahllose gutgewählte Verkleidungen, er hat die Kombinationsgabe Einsteins, die mit der Muskelkraft Tarzans gepaart ist. Sein Arbeitszimmer schmücken glühende Dankschreiben für Rettung aus höchster Not und Gefahr von Damen aller Gesellschaftskreise und Länder." Rund zehn Jahre lang begleiteten die Leser ihren "deutschen Sherlock Holmes" wöchentlich auf seiner Gaunerjagd zwischen Hinterhof und Hochfinanz. Nichts konnte seinen Scharfsinn trüben - außer vollbusigen Schönheiten. Sein ständiger Ausruf "Kombiniere: ... " ging rasch in den deutschen Wortschatz ein.

Im Nachkriegsdeutschland waren Comics kaum verbreitet. Wenn Verleger versuchten, die ungewohnte Darstellungsform zu etablieren, wandten sie sich vor allem an ein jugendliches Publikum. Nick Knatterton war der erste Comic in Deutschland für eine erwachsene Leserschaft. Eckart Sackmann, Autor über Nick Knatterton: "So etwas hatte man hierzulande noch nicht gesehen. Das war neu, das war witzig - und noch dazu intelligent, wenn man es richtig zu lesen verstand. Nick Knatterton war eine echte Sensation." An welchen Schauplatz es den Meisterdetektiv auch verschlug - Knatterton traf nicht nur auf Bösewichte, Blondinen und Brillanten, sondern auch auf zahlreiche (liebgewonnene) Klischees: Vespa fahrende Mafiosi und singende Caprifischer in Italien, skurrile Lords und wallender Nebel in England, rauhbeinige Cowboys und stolze Indianer in Amerika.

Im Laufe der Jahre wurde die Parodie auf Comic und Krimi gleichzeitig immer mehr eine Satire auf (bundesdeutsche) Realitäten in den 50er Jahren. Vieles von dem, was der Detektiv bei der Aufklärung seiner Fälle erlebte, fanden die Leser der "Quick" auch in den redaktionellen Beiträgen der Zeitschrift wieder. Damit traf Schmidt auf humorvolle Weise den Nerv der "Wir-sind-wieder-wer-Gesellschaft" und nahm etwas vorweg, was erst die Zeichner der Satirezeitschrift "pardon" später wieder für sich entdeckten. Bevorzugtes Ziel der Seitenhiebe: Politik und Behörden sowie Polizei, Militär und Geheimdienste.«

Mark Twain: »Tom Sawyer/Huckleberry Finn« Das Buch der Adoleszenz vom menschlichen Menschenkenner.

»Marlene Dietrich Adreßbuch« – herausgegeben und erschlossen von Christine Fischer-Defoy
Aus dem Waschzettel des Transit-Verlags:
»Im Nachlaß von Marlene Dietrich fand sich ein kleines, rot eingebundenes und vom häufigen Gebrauch zerfleddertes Adreßbüchlein mit der archivalisch trockenen Bezeichnung "Europa".
In Wahrheit enthält dieses kleine Buch jedoch ein ganzes Universum: Marlene Dietrich’s private und berufliche Kontakte in aller Welt, begonnen in den fünfziger Jahren, benutzt bis zu ihrem Tod 1992. Hier finden sich private Telefonnummern und Adressen von Schriftstellern, Musikern, Freunden, Liebhabern oder Kollegen wie Charlie Chaplin, Roberto Rosselini, Friedrich Torberg, Hubert von Meyerinck, Orson Welles, Willy Kollo, Hildegard Knef, Erich Maria Remarque, Willy Brandt, Elizabeth Arden, David Niven, Zbigniew Cybulski oder Ingmar Bergman. Daneben aber auch Namen von Anwälten oder Ärzten, Angaben zu Hotels, Reisebüros, Friseursalons, Boutiquen, Theatern, Agenturen.«

Christine Fischer-Defoy hat aus einem der zahlreichen Adreßbücher der Dietrich ein wunderschönes Buch fabriziert über Marlene und Deutschland, über Menschen um den Mythos. Die Geschichten hinter den Adressen. Ja, natürlich: indiskret. Aber nicht impertinent. Eins der schönsten Bücher für Anbeter, Bibliophile und Cineasten, das ich kenne. Zur Buchgestalt der Verlag: »Gebunden in dunkelrotem Samt mit geprägtem Rücken und Lesebändchen, 320 Seiten, ca. 116 Seiten vierfarbiges Faksimile der Adreßbuch-Seiten und ca. 80 s/w Abbildungen und Fakimiles, Format 13x19 cm, gebunden, fadengeheftet.« Übrigens: Kleine Ungenauigkeiten der Dietrich hat die Herausgeberin nicht immer bemerkt, zum Beispiel, daß es in Düsseldorf beileibe keine "Graf-Beckestraße" gibt. Mein diesbezüglicher Hinweis betrübte die famose Herausgeberin und Autorin überhaupt nicht, fröhlich bittet sie die Leser um Spurensuche und sachdienliche Hinweise ans Berliner Filmmuseum in der Potsdamer Straße 2 - www.filmmuseum-berlin.de - D-10785 Berlin.

Marshall McLuhan (and Quentin Fiore): »The Medium is the Massage« Kluges hellsichtiges Buch. Und ein messagemäßig schön gemachtes. Die Prophezeiung vom "Globalen Dorf" ist voll eingetroffen.

Martha Grimes: »Inspektor Jury schläft außer Haus«  - und viele andere »Jurys«; ausgesprochen hübsche agatha-christie-styled Krimis aus Amerika für gediegen-amüsanten Zeitvertreib, der etwas gegenwärtiger ist als der, den wir der großen Meisterin A.C. verdanken, und der etwas sanfter schreckt als die hard-boiled Amerikaner. Die Zeiten sind ja hart genug, wie schon die Jungs von »Extrabreit« zutreffend feststellten.

Martin Gregor-Dellin: »Richard Wagner« Das Genie der deutschen Oper – von Adolf Hitler und vice versa den sogenannten Antifaschisten nicht kleinzukriegen. Sein Leben von den 48er Barrikaden bis Bayreuth ist überaus interessant und so spannend wie »Der Fliegende Holländer« in der epochalen Bayreuther Inszenierung von Harry Kupfer. Mit Wagner begreift man das 19. Jahrhundert, und das muß man begreifen, um vom 20. Jahrhundert überhaupt etwas zu verstehen!

Martin Walser: »Erfahrungen und Leseerfahrungen« Theoretisch versteht der Walser eine Menge von Literatur und wenn er darüber schreibt, ist er auch lesenswert. Außerdem soll ihm bis in alle Ewigkeit nicht vergessen sein, daß er die frühen Radiostücke von Arno Schmidt produziert hat und damit dem großen Kollegen auch ein bißchen Überleben sicherte.

Marx/Engels: »Das kommunistische Manifest« Immer noch große Lektüre. Furiose Publizistik. Gibt's auch sehr gut ediert im Web.

Meinhard Miegel: »Die deformierte Gesellschaft« Miegel ist ganz sicher einer der kundigsten Kritiker des BRD-Sozialstaats, der in Wort und Schrift sehr verständlich machen kann, was Sache ist. Wir schlagen uns hierzulande ja immer noch mit dem Erbe der gerade zuvor erwähnten Herren herum, die pikanterweise den herz-jesu-marxistischen Flügel der Christenunion (Blüm, Geissler, Süßmuth, Seehofer etc.) mehr infiltriert zu haben scheinen als die auch im Herzen anti-kommunistische gute alte SPD.

Doch zurück zum wichtigen Buch! Perlentaucher.de referierte die Rezension der Süddeutschen Zeitung vom Herbst 2002:
»"Achtung: Sprengstoff", warnt Dagmar Deckstein den Leser vor den Ausführungen von Meinhard Miegel, Leiter des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft, über die "Lebenslügen" des Sozial-staats. Der sei nämlich, stimmt die Rezensentin dem Autor zu, dem Untergang geweiht, was die deutsche Bevölkerung nebst ihren Politikern aber nicht wahrhaben wolle. Für Deckstein steht außer Frage, dass die schonungslosen Schlussfolgerungen des "einsamen Rufers in der Wüste bundesrepublikanischer Selbstverantwortungs-losigkeit" eines der "wichtigsten und besten Bücher der Saison" sei. "Sachkundig" und "unpathetisch" weise der Autor auf den Bevölkerungsrückgang in Deutschland seit Beginn des 20. Jahrhunderts hin und bringe viele "zeitgenössische und historische Fakten" und Statistiken auf den Tisch, die den Deutschen eigentlich, meint die Rezensentin, die Augen öffnen müssten. Vielleicht, hofft Deckstein, werde dieses Buch wenn schon nicht jetzt, dann aber in vier Jahren einen grundlegenden Politikwechsel und einen Abschied von Sozialstaat bewirken.«
Sieht derzeit nicht so aus - oder? (2004)

Michael Light: »Full Moon, Aufbruch zum Mond« »In Full Moon, one of the best science photography books ever published, Michael Light presents a voyage in images to the Moon and back. Light took NASA's master negatives of photos taken by Apollo astronauts and scanned them electronically. The resulting pictures are so vivid they seem more clear than real life. Light orders the photos sequentially, selecting the most arresting images from each mission, to create a truly cinematic experience.«  – Review by Amazon.com. Warum ist hier ein englischsprachiger Text zu lesen? Weil weder die Russen, noch die Deutschen, noch die Franzosen oder gar die köstlich kochenden aber politisch peinlich aufgeblasenen Belgier es geschafft haben, damit das mal wieder klar ist. Die schauen heute noch nur in den Mond. Ja, auch im übertragenen Sinne, versteht sich.

Molière: »Der eingebildete Kranke« Doch selbstverständlich auch die anderen; »Der Geizige«, »Tartuffe«, »Der Misanthrop«, »Die Schule der Frauen« ... Von Molière erfährt man spielerisch Alles über den Menschen. Spart die alles in allem deutlich weniger erheiternde Lektüre von beispielsweise Freud; ist wesentlich kurzweiliger. Schon Molière wußte, wohin es der deutsche Sozialstaat einmal bringen würde: »Bei den Preisen kann es sich ja bald keiner mehr leisten, krank zu sein!«

Norman Mailer: »Die Nackten und die Toten« Fulminantes Buch über Krieg. Filmisch äquivalent ist Kubricks »Full Metal Jacket«.

Oliver Warner: »Nelson« Wenn man wissen will, warum Nelson am »Trafalgar Square« oben auf der Säule steht –- »und dahin blickt, wo er in die Ewigkeit einging und in die lange Erinnerung«, wie ich in einer meiner drallsten »ZeitZeichen«-Produktionen über die  Seeschlacht vor Cadiz bemerkte - wer wissen will, wie es auf den Segelschiffen zuging und warum Engländer und Franzosen sich bis heute nicht ausstehen können, bitte dieses allerschönst sorgfältigst ausgestattete altmodische Buch lesen. Wogender Genuß garantiert.

Oskar Maria Graf: »Bolwieser« Ungemein klarsehende Studie über das deutsche Kleinbürgertum, seine Gefahr und seine Gefährdungen; böse, aber ohne den naheliegenden – weil in Deutschland von Gutmenschen gängig geübten – denunziatorischen Gestus. Große Kunst!

Fesselnde Lektüre!Paul Léautaud: »Tagebuch« Vom Sockel hauende Beobachtungen der Literaturszene im Frankreich der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Rückhaltlos, rücksichtslos, schamlos. Zum Beispiel über einen der ganz großen berühmten Schriftsteller, der Katzenliebhaber war und sich einen Kammerdiener leisten konnte, dem er dann und wann einen Bleistift reichte mit dem Auftrag: »Jean, masturbieren Sie die Katze!« – Benedikt Erenz 1997 in der »Zeit«: »Wenn man bedenkt, wie in England Pepys und Boswell gehegt werden, wie sich der Franzmann an dem Journal der Brüder Goncourt ergötzt oder an den ähnlich unendlichen Tagebüchern des göttlichen Paul Léautaud ...« Herausgegeben und übersetzt übrigens vom nicht zu vergessenden WDR-Kollegen Hanns Grössel: Dank und Gruß!

Pauline Réage: »Die Geschichte der O« Pornoproduzenten, um sich den Anschein von Seriosität und Kunst zu geben, faseln gern von Erotik. Was das aber wirklich ist, entblößt dieses zu Recht berühmte Buch. Wie pflegte mein Lehrer Karl-Heinz Hansen zu sagen, der spätere skandalierende SPD-Bundestagsabgeordnete? »Geben Sie dieses Buch nicht Ihrer Tochter in die Hand – das Buch könnte Schaden nehmen!«

Peter Handke: »Das Gewicht der Welt« Handke hat also nicht immer so einen Unsinn geschrieben wie in seiner späteren Serbo-Milosevic-Umnachtung. Er kann was, wenn er kann.

Peter Rühmkorf: »Kunststücke« Einer unserer in allen Wortsinnen witzigsten Autoren, der nie groß rauskam; seine prachtvolle Frau Eva verdiente als Gefängnisdirektorin den Lebensunterhalt; sie verschaffte ihm damit seine Freiheit.

Peter Weiss: »Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade«. Drama in zwei Akten. Das ist das (das!) Stück zur 68er-Revolte – die beste, weil platzend buntlustvollste Aufführung gab’s seinerzeit in Essen vom ruhmreichen Intendanten Joachim Fontheim, der auch Joan Littlewood mit dem WK1-Revue-Stück »Oh, What a Lovely War!« auf die deutschen Bretter holte. Dann auch das vietnamhafte verstörende »The Brig« vom »Living Theatre«.

Philip und Phylis Morrison, Charles und Ray Eames: »ZEHN-HOCH – Dimensionen zwischen Quarks und Galaxien« Irres, wunderschönes Bilder-Buch: in Zehnerpotenzen durch Mensch und Galaxis und hin und zurück.

Raymond Chandler: Alles! Also der Reihe nach: »Der große Schlaf« (The Big Sleep), »Lebwohl, mein Liebling« (Farewell, My Lovely), »Das hohe Fenster« (The High Window), »Die Tote im See« (The Lady in the Lake), »Die kleine Schwester« (The Little Sister), »Der lange Abschied« (The Long Good-bye).

Raymond Queneau: »Zazie in der Metro« - Ah! Paris, qu'il profère d'un ton encourageant, quelle belle ville. Regarde-moi ça si c'est beau. - Je m'en fous, dit Zazie, moi ce que j'aurais voulu c'est aller dans le métro. Achja, auch in der deutschen Übersetzung fulminanter erster Satz. Wird hier aber nicht verraten.

Reiner Kunze: »Die wunderbaren Jahre« Die bewegende literarische Hinrichtung der totalitären (Kotz!Würg!) DDR. Petra Meyenburg auf mdr.de, also der Homepage des "Mitteldeutschen Rundfunks":
»Man muss diese Prosa langsam lesen, langsam einatmen ... um die Satire zu bemerken ... Vielleicht wäre die Formulierung angebracht: Kunze stellt die Wirklichkeit, die ihm in die Falle geht", schrieb Heinrich Böll über Reiner Kunzes wohl bekanntesten Prosaband "Die wunderbaren Jahre".

Zu vier Themenkomplexen sind sie gebündelt, die scharf geschliffenen, kurzen Texte über Szenen aus der inneren Wirklichkeit der DDR. Es fängt mit "Friedenskindern" an, sechs winzige Stücke über die Sechs- bis Zwölfjährigen, die im Schießen und Stechen geübt werden, "Federn" nennt sich die zweite Abteilung, "Verteidigung einer unmöglichen Metapher" die dritte, und am Ende steht das "Café Slavia".
 
Mit knappen Strichen werden Teenager skizziert, die so aufmüpfig sind wie überall in der Welt und die mit kleinen Extravaganzen in Lebensstil und Kleidung ihre Auflehnung gegen die Umwelt und gegen die Erwachsenen dokumentieren. 

Doch dieser winzige Freiraum wird ihnen beschnitten von spießigen Lehrern und zynischen Ordnungshütern, die alle Macht auf ihrer Seite haben. Man ist von Staats wegen interessiert an normgemäßem Verhalten. 

Zwischen 11 und 16 - das waren die wunderbaren Jahre bei Capote. Der Titel "Die wunderbaren Jahre" ist ein Zitat aus der "Grasharfe" von Truman Capote: "Ich war elf, und später wurde ich sechzehn. Verdienste erwarb ich mir keine, aber das waren die wunderbaren Jahre." Wer wie der Amerikaner in seiner Geschichte zurückblickt auf die wunderbaren Jahre der Pubertät, denkt an alle Möglichkeiten: an die Freiheit, davonzufahren, Abenteuer zu erleben wie Tom Sawyer oder wie Holden Caulfield in Salingers "Fänger im Roggen". Aber was, wenn das nicht möglich ist, wenn es die Mauer gibt und den Schießbefehl, wenn das Tragen von Nickelbrille und Jeans, das Suchen nach dem eigenen Weg, das öffentliche Gitarrespiel, die Bibel auf dem Bücherregal oder der Besuch von Orgelkonzerten nicht nur gegen Worte und Werte, gegen Ge- und Verbote der Eltern verstößt, sondern gegen die des Staates? Was für Erwachsene werden dann aus diesen Teenagern?
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Rainer Maria Rilke: »Gedichte« Das folgende liebt auch der Bundeskanzler, und da hat der einst an Stäben rüttelnde Gerd aber auch wirklich recht: »Der Panther / Im Jardin des Plantes, Paris / Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe / so müd geworden, daß er nichts mehr hält. / Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt. / Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, / der sich im allerkleinsten Kreise dreht, / ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, / in der betäubt ein großer Wille steht / Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille / sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein, / geht durch der Glieder angespannte Stille – / und hört im Herzen auf zu sein.

Roald Dahl: »Küßchen, Küßchen« ... raffiniert gesponnene Geschichten mit großen Überraschungen.

Robert Kagan: »Macht und Ohnmacht – Amerika und Europa in der neuen Weltordung« (m Waschzettel des Verlags heißt es zutreffend: »Europäische Politiker, die von der globalen Strategie der USA zunehmend irritiert sind, glauben, dass die USA und Europa auf einen »Moment der Wahrheit« (New York Times) zusteuern. Nach Jahren wechselseitigen Ressentiments und zunehmender Spannung ist die Erkenntnis unausweichlich, dass die realen Interessen Amerikas und Europas längst nicht mehr identisch sind und dass die Beziehung zwischen den USA und den Staaten Europas, besonders Deutschland, sich verändert hat - vielleicht unwiderruflich. Europa sieht die Vereinigten Staaten als arrogant, kriegerisch, undiplomatisch; die Vereinigten Staaten betrachten Europa als erschöpft, unernst und schwach. Der Ärger und das Misstrauen auf beiden Seiten verhärten sich und führen zu Entfremdung und Unverständnis.

Schon mit seinem Artikel in der »Policy Review« und nun mit seinem Buch unternimmt Robert Kagan den Versuch, die Standpunkte beider Seiten zu verstehen und darzulegen. Er verfolgt die unterschiedlichen historischen Entwicklungen von Amerika und Europa seit dem Zweiten Weltkrieg: Für Europa stand die Notwendigkeit, der blutigen Vergangenheit zu entkommen und der Gewalt zu entsagen, im Vordergrund, während die USA sich zunehmend als einzige Garantiemacht einer demokratischen Weltordnung sehen.
Diese bemerkenswerte Analyse wird in Washington und Berlin ebenso diskutiert wie in Tokio. Kagans Buch ist politische Pflichtlektüre.«

Robert Louis Stevenson: »Schatzinsel« Die Insel aller Inseln, die Piratengeschichte überhaupt, ganz klar. Der holzbeinige John Silver als schlimmster Ganove kann auch als Porträt übler Politiker gelesen werden.

Robert Steiger: »Goethes Leben von Tag zu Tag« Alles von und zu jedem Lebenstag des Meisters in acht übergroßen Bänden. 1749-1775/768 S., 1776-1788/704 S., 1789-1798/792 S., 1799-1806/792 S., 1807-1814/768 S., 1814-1820/792 S., 1821-1827/820 S., 1828-1832/624 S. Eine rühmenswerte Tat Robert Steigers mit Angelika Reimann und des Artemis&Winkler-Verlags – jetzt übrigens bei Patmos in Düsseldorf, nicht mehr in Zürich angesiedelt. Es ist kaum zu fassen, welche Arbeit in diesem Projekt steckt und wieviel Opfer. Unmöglich können über den Verkauf (pro Band nur € 49,90!) der Lohn der Arbeit und die Kosten des Verlags hereingekommen sein. Das Werk ist ein Geschenk, nicht nur so gesehen.

Siegfried Seifert von der »Stiftung Weimarer Klassik« bemerkt zutreffend: »Das entscheidend Neue jedoch, worin sich Steigers Konzeption von den bisherigen biographischen Dokumentationen zu Goethe unterscheidet, ist die exakte Widerspiegelung des jeweiligen Tages, so wie ihn Goethe erlebte und gestaltete. Insofern ist der Titel des Werkes wörtlich zu nehmen, d.h. nicht die Ereignisse und Vorgänge schlechthin, sondern deren Aufnahme durch Goethe und seine Reaktionen werden vorgestellt, dazu seine eigene Arbeitsleistung am jeweiligen Tag. (Das hat zur Folge, daß einschneidende Ereignisse wie z.B. der Tod seines Sohnes August am 26.10.1830 in Rom erst am 10. 11. 1830, als Goethe davon erfuhr, dokumentiert und reflektiert werden. Ähnlich auch der Tod Herzog Carl Augusts am 14.06.1828, gespiegelt in Goethes Reaktion am 15. 06. usw.) Das Ergebnis ist die spannende, multidimensionale, sich oft in schroffen Gegensätzen vollziehende tägliche wirkliche Biographie eines tätigen Menschen, die zugleich zur inneren Biographie wird, vor allem durch die Verflechtung mit der Genese poetischer und wissenschaftlich-kritischer Werke und Schriften Goethes. So ergibt sich eine Totalität von teilweise faszinierender Unmittelbarkeit. Hinzu kommt die subjektive Spiegelung durch die Äußerungen der Zeitgenossen.«  Seiferts Zitat aus »Informationsmittel (IFB): digitales Rezensionsorgan für Bibliothek und Wissenschaft«, hrsg. und verwaltet vom »Bibliotheksservice-Zentrum Baden-Württemberg« [BSZ].

Rolf Dieter Brinkmann: »Rom, Blicke« Ein radikaler Avantgardist der 60er, der dann im Londoner Linksverkehr vorm Straßenüberqueren falschrum blickte und so den frühen Genie-Tod sterben durfte.Die deutsche Literatur zu Pop-Musik und Pop-Art.

Samuel Beckett: »Warten auf Godot« Das Bühnenstück der Neuzeit. Ein Monument. Unendlich einflußreich.

»"Warten auf Godot" ist das Drama des Wartens: Wladimir und Estragon warten, ohne sich über Ort und Zeit ihrer Verabredung mit einem gewissen Herrn Godot ganz sicher zu sein. (...) Wladimirs und Estragons Zeit ist stehen geblieben, ist verloren gegangen. Wo es keine Zeit gibt, kann es auch keine Erinnerung, Geschichte und Zukunft mehr geben. "Warten auf Godot" ist die Fabel vom sinnlosen Menschen, der in einer Welt lebt, die keine Moral und keine sozialen Strukturen mehr kennt.« (Residenz-Theater, München)

Die Eichborn-Ausgabe, allerfeinst illustriert von Meistern der Neuen Frankfurter Schule!Samuel Pepys: »Tagebuch« Hinreißende Aufzeichnungen eines hohen englischen Beamten um 1660. Muß man lesen, unbedingt! Darin ganz enormer Augenzeugenbericht vom großen Brand in London. Aber vor allem umwerfende Bekenntnisse aus dem secret life von Mann und Frau; dazu luzide politische Kommentare, scharfsinnig und respektlosest –- nichts davon ist veraltet, doch weil es schon alt ist, klärt es en passant auf über die Grundsätzlichkeit von alldem.

Es gibt und gab nie eine komplette deutsche Ausgabe des ziemlich umfangreichen Werkes, lediglich diverse Auswahl(!)-Ausgaben in deutscher Übersetzung. Keine ist in irgendeiner Weise zu bevorzugen, sieht man davon ab, daß die zuletzt erschienene Eichborn-Ausgabe von den Meistern der »Neuen Frankfurter Schule« nettest ilustriert ist und ein bißchen mehr von den gewissen "Stellen" bietet. Alle deutschen Ausgaben bringen jeweils eine eigene Auswahl, keine ist mit einer anderen identisch, wenngleich es natürlich Überschneidungen bei den großen klassischen Knalleffekten (Feuer von London, Frauen en français befummeln etc.) gibt. Man sollte ergo alle erreichbaren deutschen Ausgaben ins Regal heben, für ein kompletteres Bild. Pepys kann man sowieso gar nicht genug haben. Spricht sich übrigens »Pieps«.
Ganz ehrlich, kein Witz!

Verena Auffermann in der »Zeit«: »Als seine in Kurzschrift verfassten Eintragungen 1825 erstmals und Ende des 19. Jahrhunderts in einer zehnbändigen Standardausgabe erschienen, freuten sich seine Leser über Pepys’ erotische Abenteuer an und unter Wirtshaustischen, in Küchen, Fluren und so weiter. Selbst die züchtige Auswahl Helmut Winters, die 1980 im Reclam Verlag erschien und im Vergleich mit dem neuen, von Volker Kriegel und Roger Willemsen herausgegebenen und von der Hautevolee der Karikaturisten illustrierten Prachtband alles Anstößige weggelassen hatte, genügte, seinen Ruf als Hurenbock hochzutreiben. Die neue Auswahl und Georg Deggerichs enorm flüssige Übersetzung gibt Pepys’ Tauziehen mit erotischen Übergriffen genüsslich preis. Samuel Pepys liebt seine Frau, hatte mit ihr im Bett großes Vergnügen und bei seinen Eskapaden ein schlechtes Gewissen. Seine Liebespraktiken und Fantasien beschreibt er in einem Kauderwelsch aus lateinischen, spanischen und französischen Brocken (in den Anmerkungen übersetzt): »De ella allerlei para hazer in mi mano« (»abends im Bett ließ ich meine Hände in Gedanken allerlei mit ihr machen«).
(...)
Samuel Pepys hat ein sozialgeschichtlich genaues, politisch interessantes und privat funkelndes, ungebrochen subjektives Zeitporträt hinterlassen. In der neuen Auswahl und Übersetzung ist der Einblick in das Leben eines frohen Aufsteigers alles in einem: ein amüsantes Geschichtsbuch, eine Sittenlehre, eine Illustration Londons, ein Blick in Privat- und Adelshäuser. Besser kann man sich über das London des 17. Jahrhunderts nicht informieren. Und das Verblüffende ist, der geheime Diarist ist so radikal wahrhaftig wie Rainald Goetz. Doch Samuel Pepys’ Geheime Tagebücher liest man mit viel größerem Vergnügen.« So ist es.

Sebastian Haffner: »Anmerkungen zu Hitler« Lehrreichst! Bewahrt einen davor, sich auf dem dummen Niveau der Nazis mit selbigen auseinanderzusetzen. Sollte zur Pflichtlektüre vor allem der in allerschlechtester Tradition des Deutschvernagelttums stehenden »Antifa« gemacht werden - Motto: Erkenne dich selbst.

Sei Shonagon: »Das Kopfkissenbuch einer Hofdame«  Unvergleichlich köstliches Büchlein, herausgegeben und aus dem Japanischen übersetzt von Mamoru Watanabé. Der Verlag (Manesse) merkt dazu an:

»Das Makura no Sôshi, «Das Skizzenbuch unterm Kopfkissen», stammt aus der späten Heian-Zeit (898–1186), in der die japanische Literatur nicht zuletzt dank der Hofdame Sei Shonagon einen bemerkenswerten Aufschwung nahm. Aus einer literarisch und wissenschaftlich hochbegabten Familie stammend – ihr Vater war ein damals bekannter Dichter –, trat sie in ihrem sechsundzwanzigsten Lebensjahr in den Dienst der Kaiserin Sadako und verbrachte ein Jahrzehnt bis zu deren Tod im Hofdienst.

Sei Shonagons Beobachtungen zu Natur und Menschen überraschen durch gleichermaßen vorurteilsfreie Originalität wie große Belesenheit. Mit ihren lebendigen, ungezwungenen Improvisationen voller Witz und Scharfsinn schuf sie die literarische Gattung zuihitsu, und zeichnete «dem Pinsel folgend» all das auf, was ihr im Augenblick bemerkenswert erschien. In Japan ahmten Dichter, Schriftsteller und Priester sie nach, ohne jedoch jemals wieder die Ursprünglichkeit und Feinheit ihres Vorbildes zu erreichen

Glauben wir gern und sofort.

Slawomir Mrozek: »Stücke« ... haben dazu beigetragen den Blödian-Kommunismus von der Weltbühne zu vertreiben; vor allem das herrliche »Tango« – siehe auch Václav Havel.

Das »Literaturbüro Ruhr« über Mrozek: »Er ist vermutlich der im In- und Ausland meistaufgeführte polnische Dramatiker und über Jahre hinweg war er neben Lem der bekannteste polnische Schriftsteller. Mrozek begann mit der Veröffentlichung seiner Karikaturen im Jahr 1950, seine Satiren beschäftigen sich sowohl mit den Absurditäten des Lebens im Kommunismus wie auch mit den banalen postromantischen Stereotypen polnischen Denkens. Besonders unsinnige Alltagssituationen nennt man in Polen auch:"ein echter Mrozek". Der Autor benutzt die Mittel der Übertreibung bis ins Grotesk-Absurde mit einem unerschütterlichen Sinn für Komik. Er seziert sowohl die bedrückende Realität eines halb-totalitären Staates wie auch die zwischen-menschlichen Verstrickungen und Spiele, in die Menschen sich verfangen - gewöhnlich mit der Absicht, andere zu manipulieren.«

Marta Kijowska hat für den Bayerischen Rundfunk 2004 Slawomir Mrozek in Krakau besucht: »Slawomir Mrozek: "Der polnische Alltag hat sich ohnehin sehr stark verändert. Das bedeutet, dass Dinge, die früher als absurd galten, heute nicht mehr so wichtig sind. Trotzdem sind meine Landsleute immer noch mein bestes Publikum. Das sind sie schon immer gewesen, und daran hat auch die neue Wirklichkeit nichts geändert. In dieser Hinsicht mache ich mir also keine Sorgen, obwohl ich über diese Treue manchmal selbst staune. Denn Sie müssen bedenken, dass ich 33 Jahre lang im Ausland gelebt habe. In dieser Zeit spielte sich ja in Polen Verschiedenes ab. Ich war aber von all dem abgeschnitten oder interessierte mich ganz einfach nicht dafür."
Nirgendwo in Polen war man ihm in all den Jahren so treu wie in Krakau. "Teatr Stary", das "Alte Theater", damals wie heute die führende Bühne der Stadt, ist seit Jahrzehnten Mrozeks Haustheater. Hier wurden - nicht selten unter der Regie solcher Berühmtheiten wie Andrzej Wajda - alle seine Stücke uraufgeführt, mit denen er später die Bühnen der Welt eroberte. Zeichnungen, die er zu jedem Stück anfertigte, schmücken heute die Wände der Kantine: zu "Emigranten", "Tango" und wie sie alle heißen.«  (BR-Online, Kultur, Lesezeichen)

Stanislaw Jerzy Lec: »Sämtliche unfrisierte Gedanken« Lec wurde mit seinen Unfrisierten Gedanken weltberühmt. Er ist ein überragender Meister des Aphorismus, auf den Punkt gebrachter Einfälle zu Mensch und Zeit. Bei Lec ist es vor allem die Auseinandersetzung mit herrschender Dummheit, Unfreiheit, Unterdrückung, Intoleranz, Feigheit, mit allem, was Freiheit, Menschenrechte, Menschenwürde bedrängt und kaputtmacht. Lec ist geistreich, immer erhellend, oft bitterböse. Kein Wunder: Lec lebte im kommunistischen Polen. Aber wenn man ihn liest, dann spätestens merkt man: Was da geherrscht hat, das gibt es überall, und den Menschen ja sowieso. Kostproben: »Sein Gewissen war rein, er benutzte es nie.« - »Traum der Sklaven: Ein Markt, auf dem sie sich ihre Herren kaufen können.« Also: »Wer sich nach Geist, Scharfsinn und Witz sehnt, dem seien Lecs Aphorismen empfohlen«, sagte Marcel Reich-Ranicki – und da hat er mal wieder recht.

Stanley Ellin: »Sanfter Schrecken« Mystery Stories, und was für welche! Böse, beißend intelligent. Von Hitchcock und Arno Schmidt schrecklich geschätzt; auch nicht die schlechteste Empfehlung.

Stefan Zweig: »Joseph Fouché« Hochspannende Geschichte! Welch ein Bösewicht war dieser Prototyp aller totalitären Polizeiminister! Ein politisches Lehrbuch der Extra-Klasse; sollte bei bestimmten Fraktionen in Berlin und vor allem in einschlägigen weltverbesserischen Aktionsgruppen gründlich gelesen werden. Hier schonmal ein andeutendes Zitat:

»Immer wird es gerade der reingläubige, der religiöse, der ekstatische Mensch, der Weltveränderer und Weltverbesserer sein, der in edelster Absicht Anstoß gibt zu Mord und Unheil, das er selber verabscheut.« Und: »Die Schuld der französischen Revolutionäre ist also nicht, sich am Blute berauscht zu haben, sondern an blutigen Worten: sie haben die Torheit begangen, einzig, um das Volk zu begeistern und ihren eigenen Radikalismus sich selbst zu bescheinigen, einen bluttriefenden Jargon geschaffen und ununterbrochen von Verrätern und vom Schafott phantasiert zu haben.
Aber dann, als das Volk, berauscht, besoffen, besessen von diesen wüsten, aufreizenden Worten, die ihnen als notwendig angekündigten »energischen Maßregeln« wirklich fordert, da fehlt den Führern der Mut, zu widerstreben: sie müssen guillotinieren, um ihr Gerede von der Guillotine nicht Lügen zu strafen. Ihre Handlungen müssen zwanghaft ihren tollwütigen Worten nachrennen (...).

Wie sagte in diesem Zusammenhang der von Kanzler Helmut Schmidt geschätzte Karl Popper: »Aber von allen politischen Idealen ist der Wunsch, die Menschen glücklich zu machen, vielleicht der gefährlichste.«
Von Zweig unbedingt auch: »Sternstunden der Menschheit«, großes Feuilleton, Geschichte à point!

Stephen Jay Gould: »Der Daumen des Panda« Paläontologe, Geologe und Evolutionsforscher war Gould – und der Mann, der wie kein anderer unterhaltsamst darüber schreiben konnte. Er hat eine Menge von lebendigen, gewitzten Essays in diversen Büchern veröffentlicht. Alle lohnen die Lektüre, und ich bin einer Freundin, der prächtigen Marianne Lienau, seit vielen Jahren auch dankbar dafür, daß sie mich per Geschenk auf diesen unvergleichlichen, anregenden  Wissenschaftsautor liebevoll aufmerksam machte.

Steven Weinberg: »Die ersten drei Minuten« Das ist der Klassiker über die Entstehung des Universums, über den »Big Bang«, die Theorie vom »Urknall«. Erschien 1977, ist also nicht auf dem allerneuesten Forschungsstand, doch ist das völlig unerheblich. Das Buch selber ist ein »Big Bang« der Kosmologie, die Grundlage für weitere Forschung auch des interessierten Lesers. Weinberg erhielt übrigens 1979 einen Nobelpreis für Physik; erwähnenswert, weil der Preis in den Naturwissenschaften kompetenter zu sein scheint als bei »Frieden« und »Literatur«.

Wie auf dem Felde der Genetik – James D. Watson: »Die Doppelhelix« – gibt es auch in der Kosmologie und der theoretischen Physik (»Quarks«, »Strings« etc.) interessante & gravierende Fortschritte; als fortsetzende Ergänzung zu Weinberg empfehle ich »Das elegante Universum« von Brian Greene. Aber bei großem Interesse an diesen Fragen gilt der alte Satz: Wer suchet, der findet. Im Kosmos des Internet-Webs strahlen viele Sterne.

Was mit Stephen Hawking ist? Ist nicht so sehr mein Fall, ich habe den Verdacht, daß er überschätzt wird, daß er vor allem wegen seiner tragisch-furchtbaren Krankheit zu größerem Ruhm gekommen ist.
Das ist wie bei anderen öffentlichen Menschen mit einem dramatischen Handicap, sie erhalten stets und netterweise einen enormen Bonus in Rezeption und Kritik; zum Beispiel der blinde Sänger Andrea Bocelli: da schreit alles "Ah“ und "Oh“, toll wie der vom Schicksal geschlagene Mann singen kann; dabei hat das natürlich gar nichts miteinander zu tun und sollte bei Beurteilung der Sangesleistung außer Betracht bleiben. Doch ist es so bei Hawking anscheinend auch: es fasziniert die Vorstellung, daß auf einem hinfälligen gelähmten Körper ein brillantes Hirn funkelt – ein ziemlich primitives Wahrnehmungsmuster, schwarz-weiß, eine Art reziproker Symmetrie. Ist aber wie alles hier meine ganz private, entschieden subjektive Sicht, niemand muß sie teilen.

Th. White: »Der König auf Camelot« Vielviel besser als der »Herr der Ringe« von ... von ...fällt mir momentan nicht ein. Warum der Ring-Herr auch als Film so Furore gemacht hat, ist mir wirklich unerfindlich. Das ist doch echt ein langweiliger Fantasy-Pomp.

Theodor Fontane: »Effie Briest« (Ein weites Feld!) und »Der Stechlin«

Theodor Storm: »Der Schimmelreiter« Von November bis Februar zu lesen. Packende elementare Erzählung, meisterhaft geschrieben.

Theodor W. Adorno/Max Horkheimer: »Dialektik der Aufklärung«

Theodor W. Adorno: »Eingriffe« und »Noten zur Literatur« Auch wenn Adorno Stuß schreibt – und das tut er dann und wann –, ist das lesenswert und sooderso erhellend. Der affektierte Satzbau (z.B. das nachgestellte »sich«), der von vielen Eleven nachgemacht wurde, ist als »adornieren« zum Wort geworden. Das Unglaubliche war, wie Adorno dies frei sprechend auch im Vortrag konnte: man wartete gespannt, ob er seine komplizierten Sätze auch zuende brachte (tat er), verpasste darüber aber immer wieder, auf den Inhalt zu achten. Deshalb mußte man Adorno lesen, und das lohnt auch heute sich noch...

Thor Heyerdahl: »Kon-Tiki« Ein echtes Abenteuer! Der Norweger Heyerdahl wollte beweisen, daß Polynesien von Peru aus hatte besiedelt werden können; er baute ein »historisches« Floß, taufte es nach einer in Anden-Legenden wesenden Gottheit »Kon-Tiki« und machte im Jahre des Herrn 1947 die Reise, Mann der Praxis, der Tat.

Großes Vorbild für neuere, handfeste Methoden der Geschichtsforschung, wie wir sie auch vom verehrten Professor Indiana Jones kennen, dem spektakuläre Erfolge beschieden waren und wohl auch noch sein werden; sieht man einmal von dem traurigen Umstand ab, daß die von ihm gefundene Bundeslade zwar vor den Nazis gerettet werden konnte, dafür aber eingekistet als Eigentum der USA in einem Riesen-Magazin vergammelt, registriert und bewacht mutmaßlich von der CIA. Oder der AirForce? Spannende Sache immerhin, ebenso das Buch von Thor Heyerdahls pazifischer Floßfahrt:

 »Wenn die Nacht einfiel und die Sternenwelt an dem dunklen Tropenhimmel funkelte, da blinkte das Meeresleuchten rund um uns um die Wette mit den Sternen, und vereinzeltes, leuchtendes Plankton sah aus wie runde, glühende Kohlen, sodaß wir unwillkürlich unsere bloßen Füße anzogen, wenn die leuchtenden Kugeln aufs Achterdeck heraufgespült wurden. Fingen wir sie, so waren es kleine, leuchtende Garnelenarten. In solchen Nächten erschraken wir oft, wenn zwei runde leuchtende Augen plötzlich dicht neben dem Floß aus der See tauchten und uns wie hypnotisiert anstarrten

Das ist  kein Seemannsgarn. Mein Freund Klaus Hympendahl hat mir auf mißtrauische Nachfrage bestätigt, daß es dieses leuchtende Meer wirklich gibt; er hat es auf einer Weltumseglung bei den Galapagos-Inseln erlebt: »Das sieht aus wie der Boden einer Disco.« Von Klaus Hympendahl gibt es u.a. ein schönes Buch über seine vier Jahre auf den sieben Meeren rund um die Welt: »Segeln über dem Vulkan«.

Václav Havel: »Dramen« ... haben dazu beigetragen den Blödian-Kommunismus von der Weltbühne zu vertreiben, vor allem das herrliche »Gartenfest« – siehe auch (oben) Slawomir Mrozek.

»Die absurde Zeitsatire, das Debüt Václav Havels als eigenständiger Stückeschreiber, in Ost und West immer wieder in Szene gesetzt und vom Publikum begeistert aufgenommen, begründete die internationale Bekanntheit des Autors. Die deutschsprachige Erstaufführung des Stückes fand im Oktober 1964 (...) im Berliner Schiller-Theater statt (1963 Uraufführung im Prager Theater am Geländer). Im "Gartenfest" - einer tragischen Groteske des Phrasendreschens - wirkt als Hauptakteur der Mechanismus der Phrase. Er bestimmt die menschlichen Handlungsweisen und erzeugt eine neue eigene Wirklichkeit. Im Nachzeichnen der schwindelerregenden Karriere Hugos wird die Welt entlarvt: nicht der Mensch benützt die Phrase, sondern die Phrase benützt den Menschen.« (2004 im Programm von  "Literaturhaus Wien" / "Das Erste Wiener Lesetheater")

Václav Havel übrigens eine der beglückenden und ermutigenden politischen Figuren des Zeitalters, wie Nelson Mandela und nur wenige andere. Auf seine für die meisten (grundlos dünkelhaften) Europäer schwerverständliche Art gehört auch Ronald Reagan dazu. Er war der Anfang vom Ende der Menschenschinder hinter dem Eisernen Vorhang – und  sowieso ein toller Kerl. Darf ein Schauspieler Präsident werden? Ganz klar. Außerdem: ist mir schon grundsätzlich lieber als die deutschen Politiker mit dem Zweiten oder einem halben Staatsexamen.

Walter Kempowski: »Hamit« Für dieses großartige Tagebuch der deutschen Wendezeit hat Harald Schmidt "Kaufbefehl" erteilt – und schon wieder mal hat er recht (wie übrigens fast immer, wenn er meiner Meinung ist). Der knorzige Kempowski reist in die geöffnete DDR (noch die Abkürzung ist ekelhaft!), besichtigt seine Heimat ("Hamit") Rostock und den Rest, von Nazis, Krieg und Kommunisten (plus Mitläufer) ein halbes Jahrhundert lang schwerst beschädigt. Um die heftige Spannung dieser Reise, um die von Kempowski in Sarkasmen und hemmungslosen (auch: Selbst-)Beobachtungen gefriergetrockneten Gefühle zu verstehen, sollte man wissen, was sein Verlag in der biografischen Notiz mitteilt:
"Walter Kempowski, 1929 in Rostock geboren, wurde 1948 von einem sowjetischen Militärtribunal wegen angeblicher Wirtschaftsspionage zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er acht Jahre in Bautzen verbüßte. Nach seiner Entlassung zog er in den Westen und arbeitete jahrelang als Dorfschullehrer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Mit seiner mehrbändigen Deutschen Chronik, zu der Romane wie "Tadellöser & Wolff" (1971) [phänomenal verfilmt von Eberhard Fechner 1975 – H.M.], "Aus großer Zeit" (1978) und "Herzlich Willkommen" (1984) gehören, wurde Kempowski zum Bestsellerautor und Chronisten des deutschen Bürgertums. Seine monumentale mehrbändige Echolot-Collage (1993, 1999, 2002) etablierte ihn als einen der bedeutendsten zeitgenössischen deutschen Schriftsteller." Wohl wahr.
(Wird fortgesetzt!)

Wilhelm Busch: »Sämtliche Werke« Einer der Größten. Tollste Bildergeschichten, enorm witzige Gedichte und hintersinnige Reimstückchen, ein Menschenkenner von Graden und Gnaden. Kann gar nicht genug gepriesen werden, auch wegen der »Neuen Frankfurter Schule« – wo wäre denn die ohne ihn!?

Ein dicker Sack
Ein dicker Sack - den Bauer Bolte,
Der ihn zur Mühle bringen wollte,
Um auszuruhn mal hingestellt
Dicht an ein reifes Ährenfeld, -
Legt sich in würdevolle Falten
Und fängt 'ne Rede an zu halten.
Ich, sprach er, bin der volle Sack.
Ihr Ähren seid nur dünnes Pack.
Ich bin's, der Euch auf dieser Welt
In Ewigkeit zusammenhält.
Ich bin's, der hoch vonnöten ist,
Daß Euch das Federvieh nicht frißt,
Ich, dessen hohe Fassungskraft
Euch schließlich in die Mühle schafft.
Verneigt Euch tief, denn ich bin Der!
Was wäret ihr, wenn ich nicht wär?

Sanft rauschen die Ähren:
Du wärst ein leerer Schlauch,
wenn wir nicht wären.

Wilhelm Hauff: »Märchen« Die Geschichte vom Kalif Storch, der kleine Muck, Zwerg Nase, das kalte Herz und noch viel mehr. Unsterblich. Wie übrigens auch Andersen, den immer wieder zu lesen, man gleichfalls nicht vergessen darf .

Wilhelm Matthießen: »Das Rote U« Eine Kindergeschichte, in der Schauplätze meiner Kindheit der 50er Jahre in Düsseldorf noch lebendig sind, obwohl der Krieg satt reingebombt hatte. »Das Rote U« (1932) wurde, zusammen mit Kästners »Emil und die Detektive« (1928), zur meistgelesenen Detektivgeschichte der 30er Jahre, hat also Bedeutung über meine Erinnerung hinaus.

Auf der Homepage vom »Goethe-Institut Frankreich« schreibt Birgit Tellmann 2002: »Der Kinderbuchklassiker »Emil und die Detektive« ... Seine Bedeutung lag vor allem in der neuen Kindergestalt, die Emil verkörperte, charakterisiert durch sein selbständiges Handeln und Denken, wie es bisher in der Kinderliteratur unbekannt war. Darüber hinaus machen auch Kästners aktueller Gegenwartsbezug und sein neuer realistischer Erzählstil den Roman zu einem herausragenden Werk. Vier Jahre (1932) später erschien mit »Das Rote U« von Wilhelm Matthießen ein weiterer Klassiker. Eine fünfköpfige Kinderbande aus Düsseldorf wird von einer unbekannte Macht – dem roten U – erpreßt und wochenlang in Schach gehalten. Die Kinder müssen zunächst verschiedene Aufträge erfüllen, um sich ihrer späteren detektivischen Arbeit würdig zu erweisen. Der Autor verbindet hier Elemente aus Abenteuer- und Kriminalgeschichte, und im Gegensatz zu »Emil und die Detektive« müssen die Täter hier erst ermittelt werden, die Detektion steht im Vordergrund

Soweit Birgit Tellmann, deren Urteil bei mir durch sperrangelweit offene Türen rennt. Für mich sind dies, wie auch später der Meisterdetektiv Blomquist von der großen Astrid Lindgren, nur insofern "Kinderbücher", als Kinder die Hauptrollen spielen. Keineswegs sind das irgendwie naive kleine Geschichten auf abgesenktem Dreikäsehoch-Niveau. Überhaupt nicht. Interessante Geschichten, hervorragend geschrieben, was will man mehr!? Und warum Krimis? Aufklärung! Aufklärung, darum geht's beim Detektiv bekanntlich genauso wie bei Adorno, Journalisten usw.

Wilkie Collins: »Die Frau in Weiß« »Durchschlagenden Erfolg aber hatte der Dichter erst mit seinem Sensationsroman "The Woman in White" (Die Frau in Weiß), der zuerst von 1859 bis 1860 in Dickens' Zeitschrift "All The Year Round" erschien, sofort in fast alle lebenden Sprachen übersetzt wurde und dem Autor 60.000 Mark einbrachte. Charlotte Birch-Pfeiffer bearbeitete den Roman zu einem vielgegebenen Theaterstück, in Frankreich wurde er durch den später so berühmt gewordenen Schlachtenmaler Alphonse de Neuville illustriert - kurz Wilkie Collins war mit einem Male zu einem Schriftsteller von internationalem Rufe geworden.« heißt es in einem Artikel aus dem Jahr 1890.
Und: »Der Stoff wurde mehrfach für Kino und Fernsehen verfilmt, u. a. in der Sowjetunion, wo das Buch große Popularität genoss. In Deutschland setzte eine verstärkte Collins-Rezeption erst Mitte der 1960er Jahre ein, nachdem Arno Schmidt 1965 den hierzulande fast vergessenen Autor wieder entdeckt und seine brillante Übersetzung der Frau in Weiß vorgelegt hatte.« – lesen wir bei Amazon.de und können nur nicken.

Bemerkenswert der mit scharfem Verstand versehene Ober-Bösewicht der Geschichte, der Conte Fosco. Solche mystery-stories stehen und fallen mit der Klasse des Bösewichts; ist beim Film ganz genauso. Apropos: »Help«, der witzige Film von den Beatles und Richard Lester, verwurstet ganz eindeutig den »Monddiamant« von Collins; das Buch ist auch ganz schön, am zweitbesten aber natürlich »Der rote Schal«.

William Shakespeare:
»Der Widerspenstigen Zähmung«
Aber natürlich nicht nur! Shakespeare gehört zu den Giganten; da muß man eigentlich alles kennen. Sonst kommt man ja beispielsweise nicht dahinter, warum einer der allerbesten Hitchcock-Filme »North by Northwest« heißt und  warum exakt diese Himmelsrichtung am Beginn des unvergänglichen Piraten-Films »Der Rote Korsar« von Burt Lancaster ("Captain Vallo") als Kurs gesetzt wird.

Nun gut: »Der Widerspenstigen Zähmung« ist die tiefsinnige und dabei außerordentlich vergnügliche Vorführung des ewigsten Konflikts der Menschheit. Wie sagte schon der hoch verehrte Leonard Cohen? »There is a war between the rich and poor, / a war between the man and the woman. / There is a war between the ones who say there is a war / and the ones who say there isn't.« There is. Zwischen Mann und Frau. Natürlich! Shakespeare zeigt seit über 400 Jahren: Es ist der unaufhörlichste; nur gelegentlich wird fraternisiert und gesistert, was aber ein Waffenstillstand auch nicht ist. Köstlichst übrigens die bonbonbunte Broadway-Verfilmung »Kiss me Kate«: Großes Juchhuu!

Wolf Durian: »Kai aus der Kiste« Eins der besten Bücher über Kommunikation/Werbung und eine herrliche Kindergeschichte außerdem.

Wolfgang Amadeus Mozart: »Briefe« Genußreich, wie firm der große Mozart auch in den kleinen frivolen Schweinereien war!

Wolfgang Neuss: »Das Jüngste Gerücht« und »Neuss Testament« Zwei Kabarettprogramme, die alles in den Schatten stellten, samt den Stachelschweinen, Lach- und Schießgesellschaft und Ko(m)mödchen. Neuss war der Größte, und bei den Texten half ja nicht nur unser alter Freund und Oberkupferstecher Hotte Tomayer, sondern auch ein gewisser Herr Thalmayr, von dem man inzwischen rundum weiß, daß er eigentlich Hans Magnus Enzensberger heißt. So gut konnte Neuss nie wieder werden, deshalb hat er sich dann lieber bekifft.

Erfreulicherweise gab und gibt es »Neuss Testament« auch zum Hören. Die erste deutsche Veröffentlichung von 1965 war eine Schallplatte, ergo stark gekürzt, man muß sagen: verstümmelt -ca. 40 Minuten eines abendfüllenden Programms!
In Österreich aber hatten Preiser Records »Neuss Testament« als Doppelalbum herausgebracht, das war schon besser und fast komplett. Jetzt (seit 1997) gibt es die CD vom Hamburger Independent-Label "Conträr" bei "Indigo" mit 78 Minuten Dauer, also auch eine ans gesamte Programm angenäherte Version (vielleicht die von Preiser?).

»Die Aufnahmen ( ... ) entstanden im Jahre 1965, ein Jahr des Umbruchs. Notstandsgesetze, Bildungsnotstand und Atomtod waren Schlagworte, für die Künstler, Schriftsteller und Pfarrer auf die Straße gingen. Es formierte sich der Widerstand derer, die im Bonner Parlament keinen Anwalt hatten. Ohnmacht kam auf, Wut machte sich breit. ( ... )  Neuss ( ... ) hatte sich eine neue Form ausgedacht. Keine Pauke? Nein, er ließ sich von Fatty George und seiner Band den Takt schlagen. Neuss rezitiert, spricht fast durchgehend in Versen, hatte sich des großen französischen Satirikers François Villon poetisches Hemd ausgeliehen. Variiert dessen Gestus und Reime, aktualisiert sie, und übernimmt ihre wegwerfend unverschämte Aggressivität.« (Rolf Limbach zur CD-Veröffentlichung)

Man muß Neuss, den Mann mit der Pauke, hören, das ist klar, vor allem hier. Aber der Text ist so gut, daß auch das Nachlesen (des ganzen hochliterarischen Werkes) sehr lohnt, wenn man die seinerzeit bei Rowohlt erschienenen Bücher irgendwo ergattert.

Wolfgang Leonhard: »Die Revolution entläßt ihre Kinder« Einer derer, die vorm Faschismus nach Moskau flohen und in die Fänge der Verbrecher auf der anderen Seite gerieten. Davon erzählt Leonhard ungemein anschaulich und packend. Lehrreich bis heute, eine notwendige Immunisierung gegen lieblich-verlogene Flötentöne und Schalmeien von PDS, Antifa, Frau Wagenknecht etc. Ein Augenzeuge, der natürlich von »rotlackierten Faschisten« – so klipp und klar einst der legendäre SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher – nach Strich und Faden diffamiert wurde; das konnten die immer noch am besten, wenn sie nicht damit beschäftigt waren, die Diffamierten in Keller zu stecken oder an die Wand zu stellen. Nach der Wende ist der organisierte Rufmord in Deutschland etwas schwieriger geworden, es fehlt das Geld aus Moskau und von Mielke; mal sehen, ob es Ersatz gibt: ex oriente Knete z.B.

Wolfgang Ott: »Haie und kleine Fische« Ein WK2-Roman, der als einer der wenigen deutschen den großen Amerikanern – Wouk, Mailer etc. – das Wasser reichen kann. Ein anderer wäre »Das Boot«, aber da gibt es ja (statt Buch!) den wirklich ganz außerordentlichen, immer wieder sehenswerten Film von Wolfgang Petersen — ein verdienstvoller TV-Regisseur, der merkwürdigerweise fürs Kino sonst nicht viel auf die Reihe gebracht hat. Hollywood ist ja auch schwer. Nur »In the Line of Fire« kann sich sehen lassen.

Auch von Otts »Haie und kleine Fische« gibt es eine Verfilmung (BRD 1957), die solide gemacht ist, und gut besetzt. Spätere Stars wie Hansjörg Felmy und Horst Frank waren hier Jungmänner am Anfang der Karriere; als Komparse taucht übrigens (der ungenannte) Loriot (Vicco von Bülow) auf.
Mehr als solide und filmhistorisch interessant ist der Film aber nicht; er traut sich nicht, den Krieg so zu zeigen, wie er im Buche steht — wäre wahrscheinlich auch zensiert worden. Jugendliche durften (dürfen?) sich ja fürs Vaterland totschießen und versenken lassen, aber die entsprechenden Filme nicht gucken.

Achja: Gerade entdecke ich bei »Amazon«, daß »Die Zeit« folgendes geschrieben haben soll, leider ist kein Autor und Datum angegeben — zitiert also ohne Gewähr: »Eins ist sicher: nach Monsarrats ‘Grausamer Atlantik’ und Wouks ‘Die Caine war ihr Schicksal’ ist dies der dritte große Seekriegsroman, der in der Welt Furore machen wird, vorzüglich, weil er mit verdichteter Härte den grausamsten Teil des Seekriegs, den deutschen U-Boot-Krieg, schildert.«

Wolfram Siebeck: »Kochschule«. Hat auch mir die Augen geöffnet. Die Zunge. Und die Topfdeckel. Auch wenn einem der Wolfram Siebeck – »hat ja so recht« – dann und wann gewaltig auf den Küchenwecker gehen kann, er kennt sich aus und hat Geschmack – auch stilistisch.

Zino Davidoff: »Zigarren-Brevier« Davidoff plaudert so geistreich, daß man wirklich gerne wieder rauchen würde. Verdammt!

...by the way: Diese Cohibas,
die Marke des Kanzlers, aber auch all die anderen prachtvollen Havannas (was Anderes kommt ja trotz Castro und den von seiner Clique übelst kujonierten Oppositionellen eines real diktatorisch unterdrückten und mit mindestens sechsstündigen Reden des Massimo Liders gequälten Volkes gar nicht infrage) liefert www.tabak-heinrich.de. In seligster Erinnerung empfehle ich aber auch die rundum perfekte Montechristo No.1.
Sie sieht einfach besser aus.

 
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